InterviewKomödie im Marquardt Schwäbisches Theater: „Tratsch im Treppahaus“

Von Anna Belting 

Sie ist der Albtraum eines jeden Mieters und meint es doch nur gut: Frau Boldinger stiftet mit ihrer Tratschsucht jede Menge Chaos. Volker Jeck inszeniert Jens Exlers 1960 uraufgeführtes Stück „Tratsch em Treppahaus“ für die Komödie im Marquardt in einer schwäbischen Fassung von der beliebten Mundart-Darstellerin und Theaterautorin Monika Hirschle – die auch die Hauptrolle übernimmt.

Theater-Autorin und Mundart-Darstellerin Monika Hirschle hat das Stück ins Schwäbische übertragen und spielt  die Hauptrolle der Frau Boldinger.  Foto: Volker Beinhorn
Theater-Autorin und Mundart-Darstellerin Monika Hirschle hat das Stück ins Schwäbische übertragen und spielt die Hauptrolle der Frau Boldinger. Foto: Volker Beinhorn

Frau Hirschle, Frau Boldinger bringt alles durcheinander. Was ist sie für ein Mensch?

Frau Boldinger ist sehr neugierig, teilnehmend und geschwätzig – und sie kann furchtbar nerven. Die Figuren im Stück sind eigentlich Arche­typen. Meine erste Vermieterin in Stuttgart – die war eine Frau Boldinger.

Herr Jeck, wen gibt es noch?

Da ist der klassische pensionierte Beamte Markus Brummer – ein alter Brummbär. Dann gibt es die einsame Witwe Hanne Knopf und den Haus­besitzer Bernhard Trambacher, der es durchs Dach reinregnen lässt. Er führt eine Metzgerei und hat einen Hang zum Geschlechtlichen, den er nur schwer in den Griff bekommt. Die älteren Menschen führen in dem Haus ein trostloses und streitsüchtiges Leben. Auf einmal bricht dort aber die Jugend ein – Silke und Markus, die eine Liebesgeschichte verbindet. Die zwei sind von zu Hause abgehauen.

Und dann kommt’s zum Konflikt?

Dass die Bewohner oben die jungen Leute aufnehmen, sorgt für Empörung und Verwechslungen. Es ist auch ein Stück über verbiesterte alte Menschen. Zu allem Überfluss geistert die Nachbarin überall herum und bringt alles erst recht durcheinander.

Frau Hirschle, wie fühlt es sich an, Frau Boldinger zu spielen?

Das ist eine Traumrolle für eine Schauspielerin. Sie hat die gesamte Bandbreite an Gefühlen.

Macht sie eine Wandlung durch? Wird sie vielleicht am Ende sogar geläutert?

Nein, sie ist die Einzige, die sich nicht ändert, während bei den anderen im Trubel über­raschend die Sonne aufgeht. Frau Boldinger ist absolut unbelehrbar. Wenn die anderen sie in die Enge treiben, findet sie immer einen Ausweg, denn sie ist sehr fix im Kopf. Sie ist wie ein nasses Stück Seife, das einem immer durch die Finger rutscht. Man darf ihr aber nicht böse sein.

Herr Jeck, wie entsteht die Komik?

Die Zuschauer wissen mehr als die Figuren auf der Bühne. Der Trick des Autors ist außerdem, dass die Bewohner ziemlich verschroben und nicht mehr die Jüngsten sind und durch Zufall und freundlich gemeintes Geplauder fast aus der Bahn geworfen werden. Aber das Stück endet im Wohlgefallen, und die Nachbarn sehen sich am Schluss mit jüngeren, belebteren Augen. Markus und Silke bringen neue Impulse und Bewegung rein.

Was hat sich in Ihrer Fassung gegenüber Jens Exlers Stück geändert?

Es spielt 2018. Die modernisierte Fassung holt das Stück noch einmal näher zu uns – sprachlich, aber auch die Figuren. In der früheren Fassung siezen sich zum Beispiel die jungen Leute, das ist heute nicht mehr üblich.

Frau Hirschle, Sie haben das Stück ins Schwäbische übertragen. War es schwer, die Vorlage zu übersetzen?

Wenn die Vorlage gut ist und die Figuren stimmen, ist es einfach: Dann sieht man sie plastisch vor sich.

Sind alle Figuren im Stück Schwaben?

Ja, wobei es unterschiedliche Färbungen gibt. Das Stuttgarter Schwäbisch wird gerne mit dem Honoratiorenschwäbisch verwechselt – das ist aber eine völlig andere Sprache. Im Stück sprechen die Figuren eine gemäßigte Form aus Stuttgart und der Region. Auch Zuschauer, die nicht aus Schwaben stammen, können sie verstehen.

Herr Jeck, wie erreicht man ein authentisch klingendes Schwäbisch?

Jeder muss seinen natürlichen Ton finden. Es darf nicht zu einer Anstrengung werden und muss wie Alltag wirken. Nichts ist schlimmer als ein aufgesetztes Schwäbisch.

„Tratsch em Treppahaus“: Premiere 16. November, 20 Uhr; Voraufführung 15. November, 20 Uhr; weitere Termine bis 13. Januar, Komödie im Marquardt, Tickets 07 11 / 22 77 00