Kompetenz aus Stuttgart Bosch-Mann soll Erdogans Elektroauto bauen

Von Anne Guhlich 

Der türkische Präsident Recep Erdogan will mit Hilfe eines Bosch-Mitarbeiters eine eigene E-Marke ins Leben rufen. Den Bau des Elektroautos macht er damit zum Wahlkampfthema.

Mehmet Gürcan Karakas soll das Konsortium leiten, das auf Initiative des türkischen Präsidenten Erdogan das erste türkische E-Auto auf die Straße bringen soll.  Foto: privat 3 Bilder
Mehmet Gürcan Karakas soll das Konsortium leiten, das auf Initiative des türkischen Präsidenten Erdogan das erste türkische E-Auto auf die Straße bringen soll. Foto: privat

Stuttgart - Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan hat für seine Pläne, ein türkisches Elektroauto auf den Markt zu bringen, einen Bereichsvorstand von Bosch abgeworben. Wie Erdogan vor Kurzem im türkischen Fernsehen bekannt gab, soll Mehmet Gürcan Karakas das Unternehmen leiten. Bislang ist Karakas als Mitglied des Bereichsvorstands im Geschäftsbereich Electrical Drives am Bosch-Standort Bühlertal tätig.

Der Technologiekonzern wollte sich nicht zu der Personalie äußern. Jedoch hat Bosch in einer internen Mitteilung, die unserer Zeitung vorliegt, angekündigt, dass Karakas das Unternehmen zum 31. August verlässt. Bereits am 1. September soll er seinen neuen Job als CEO in der Türkei antreten. Intern wird Karakas’ Fortgang als ein Verlust für den Konzern bezeichnet.

Karakas hat im Laufe seiner Karriere sowohl in der Türkei als auch in Deutschland gearbeitet und galt bei Bosch stets als positives Beispiel eines Mitarbeiters mit Migrationshintergrund, der in Deutschland Karriere macht. Er wurde 1965 in der türkischen Kleinstadt Akseki in der Provinz Antalya geboren. 1988 schloss er sein Maschinenbaustudium an der Middle East Technical University (METU) ab, bevor er 1990 zu Bosch wechselte, wo er unter anderem von 2004 bis 2007 die türkische Landesgesellschaft leitete.

Der erste Prototyp soll kommendes Jahr vorgestellt werden

Bei den türkischen Wirtschaftsvertretern aus der Region Stuttgart ist die Personalie derzeit ein großes Thema. „Das liegt auch daran, dass Erdogan das Elektroauto zum Wahlkampfthema gemacht hat und hier viele Menschen mit türkischen Wurzeln leben, die in der Auto- oder Zulieferbranche beschäftigt sind“, heißt es. Am 24. Juni findet in der Türkei die Präsidenten- und Parlamentswahl statt. Bereits seit Donnerstag können im Ausland lebende Wähler ihre Stimme abgeben.

Der erste Prototyp des türkischen E-Autos soll kommendes Jahr vorgestellt werden. 2021 soll das erste Fahrzeug auf die Straße kommen. Produziert wird der Wagen von einem Zusammenschluss aus fünf Firmen: die Anadolu-Gruppe, das türkisch-katarische Unternehmen BMC, die Kiraca Holding, die Turkcell-Gruppe (ein Mobilfunkanbieter) und die Zorlu Holding. Der türkische Präsident geht davon aus, dass die Türken das heimische E-Auto bevorzugen, wenn es erst auf dem Markt ist.

In der Türkei gibt es eine florierende Autoproduktion

Experten sehen bei dem Thema in der Türkei noch viel Nachholbedarf: „Bislang ist die Türkei nicht für ihre besondere Kompetenz im Bereich der Elektromobilität bekannt“, sagt Stefan Bratzel, Leiter des Center of Automotive Management (CAM) an der Fachhochschule Bergisch Gladbach. „Zumindest aus der Perspektive deutscher Hersteller besteht nicht direkt ein Grund zur Sorge, dass aus diesem Projekt eine starke Konkurrenz erwachsen könnte.“

Die Türkei ist ein Land mit einer bislang florierenden Autoproduktion, jedoch ohne eigene türkische Automarke.

Während dort 2013 noch rund 630 000 Fahrzeuge im Jahr produziert wurden, waren es 2017 mehr als 1,1 Millionen. Konzerne wie Ford, Toyota, Renault und Fiat produzieren dort. Die Konzerne schätzen an der Türkei vor allem die geringen Lohnkosten und die logistisch günstige Lage. Drei von vier Fahrzeugen, die in der Türkei gefertigt werden, gehen in den Export. Auch Daimler produziert in der Türkei – jedoch keine Pkw, sondern Nutzfahrzeuge.