Mehr Konfessionslose als Christen Christliche Kirchen und Politik haben sich entfremdet – mit Folgen

Leere Kirchen und zunehmende Konfessionslosigkeit haben auch Rückwirkungen auf die Politik. Foto: dpa/Bernd Weißbrod

Erstmals gibt es in Deutschland mehr konfessionslose Menschen als Katholiken und Protestanten zusammen. Das verändert auch die Politik schleichend, sagt unser Berliner Korrespondent Norbert Wallet.

Berliner Büro: Norbert Wallet (nwa)

In Deutschland gibt es erstmals mehr konfessionslose Menschen als Katholiken und Protestanten zusammen. Selbst wenn man die Muslime zu der Gruppe der Glaubensgebundenen hinzurechnet ist klar: Das Land ist gespalten. „Im Bewusstsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen . . .“ – die Präambel des Grundgesetzes würde von einer heutigen verfassungsgebenden Versammlung wohl nicht mehr so formuliert werden. An diese Entwicklung knüpfen sich viele Fragen. Auch die, was das für die Politik bedeutet.

 

Parteien richten ihre konkreten Positionen zwar längst nicht mehr unmittelbar nach christlich-kirchlichen Haltungen aus. Aber das christliche Menschenbild ist doch für die Beurteilung tagespolitischer Probleme noch immer prägend. Die Union hat das Christliche sogar zu ihrem Namensbestandteil gemacht. Aber an der Union kann man auch studieren, wie weit sich Kirche und Partei entfremdet haben.

Union zur Meinung der Kirche: „Interessiert nicht“

Das ließ sich jüngst beobachten, als es um die gemeinsame Abstimmung der Union mit der AfD im Bundestag ging. Als sich beide Kirchen mit einer gemeinsamen Stellungnahme zur Migration einmischten, kommentierte das Steffen Bilger, der Vize-Unions- Fraktionsvorsitzende, auf X mit dem Spruch: „Überrascht nicht, interessiert nicht.“

Deutlicher kann man nicht machen, was geschehen ist. Selbst für die Christdemokraten sind die Kirchen keine entscheidende Stimme mehr. Es ist nicht so, als seien die Kirchen an dieser Entwicklung unschuldig. Wenn sich die christlichen Kirchen immer mehr ins Klein-Klein der Tagespolitik begeben, verkleinern sie sich damit auch selbst. Sie werden dann eben Mitspieler, Mit-Diskutanten in den aktuellen Debatten, sind nur eine Stimme unter vielen. Manchmal nicht die lauteste. So wird man erst überhört und dann übergangen.

Christlicher Horizont kann Politik viel geben

Man muss das nicht beklagen. Säkulare Gesellschaften sind eben vielstimmig und das ist richtig und gut so. Und doch ist es sinnvoll, sich darauf zu besinnen, was der christliche Horizont der Politik und der Gesellschaft unabhängig von konkreten Glaubensaussagen geben kann – und wie wichtig dieser Beitrag ist.

Steffen Bilgers Bemerkung markiert die wachsende Kluft zwischen Kirchen und Politik. Foto: dpa/Tim Brakemeier

Es sind vor allem vier Bestärkungen, die gerade im politischen Raum wohltuend wirken können. Erstens: die Toleranz befördernde Einsicht in die Begrenztheit und Fehlbarkeit jedes Menschen. Politik ist aus christlicher Sicht ein gemeinsames Suchen ohne sicheres Wissen um den richtigen Weg. Zweitens: Die Rettung vor jeder Form von Nationalismen, denn die christliche Botschaft richtet sich gleichermaßen an alle Menschen ohne Rücksicht auf Herkunft und Hautfarbe. Drittens die Gewissheit, dass Angst überwindbar ist und Hoffnung der stärkere politische Antrieb. Und schließlich kann die Einsicht, dass die Politik immer nur über die vorletzten Dinge entscheidet, auch vom ungeheuren und Gewalt erzeugenden Druck entbinden, auf politischem Weg irdische Perfektion anstreben zu müssen.

Natürlich geht es auch ohne diese Einsichten. Humanität lässt sich auch auf Vernunft begründen. Das ist das Wissen der Aufklärung. Aber dieser Weg ist schwerer und die Vermittlung wird komplizierter.

Der Verlust der Einsicht in menschliche Transzendenz verändert das Menschenbild schleichend. Das hat handfeste politische Konsequenzen. Die Debatten über Sterbehilfe, Organspende, Abtreibung, aber auch über die Organisation unseres Sozialstaats, über den Umgang mit alten Menschen, über den Zugang zu medizinischen Leistungen werden womöglich bald anders verlaufen. Man kann das, je nach Einzelthema, gut oder schlecht finden. Aber man muss es zur Kenntnis nehmen.

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