Biberach - Die Nacht hat Lydia Lehmann auf der sanft schaukelnden Netta verbracht. Jetzt ist die 19-Jährige aus Biberach im Kinzigtal, die beim Nabu-Naturschutzzentrum im Wollmatinger Ried ihren Bundesfreiwilligendienst absolviert, bei der morgendlichen Vogelzählung. Die muss sie jetzt unterbrechen. Vier Kajakfahrer nähern sich vom Seerhein kommend dem Schilfbereich. Lydia Lehmann steht auf und winkt, bis die Wassersportler reagieren und zu ihr heranpaddeln. „Was haben wir denn falsch gemacht?“, fragen sie. „Ihr seid in die Schutzzone hineingefahren“, klärt sie auf und deutet auf mehrere Bojen, die den Flachwasserbereich abgrenzen. Doch immerhin musste Lydia Lehmann nicht ins elektrische Beiboot steigen und sie wieder herausziehen. „Das kommt schon ab und zu vor.“
Den gesamten Sommer über liegt das vier Meter breite und zehn Meter lange Hausboot des Nabu im Ermatinger Becken vor Anker. 800 Höckerschwäne und 500 Kolbenenten, deren lateinischer Name „Netta rufina“ Namensgeber des Bootes ist, hat Lydia Lehmann am Morgen auf dem See gezählt, „für die Blesshühner war ich noch zu faul“. Aus allen Teilen Baden-Württembergs kommen die Tiere im Sommer hierher geflogen und bilden riesige Mausergemeinschaften.
Angst vor Stand-Up-Paddlern
Während der etwa drei Wochen sind sie flugunfähig und fühlen sich im Wollmatinger Ried sicher. Deshalb ist es wichtig, störenden Besuch abzuhalten. Vor allem Stand-Up-Paddler werden von den Tieren als Bedrohung wahrgenommen. „Menschen, die auf dem Wasser stehen, kennen sie noch nicht“, sagt der Leiter des Naturschutzzentrums, Eberhard Klein. So muss auch der seit einigen Jahren über dem Bodensee kreisende neue Zeppelin das Ried umfliegen. Die kleinen Propellermaschinen, die seit Jahrzehnten am nahen Sportflugplatz starten und über dem Naturschutzgebiet ihre Platzrunde drehen, seien hingegen kein Problem.
Natürlich sind auch die Fischer im Ried keine Neuerscheinung. „Uns gibt es hier schon immer“, sagt Stefan Riebel, Berufsfischer von der Reichenau. Doch die Privilegien seines Berufsstands sind seit Jahren ein Streitpunkt. Jetzt hat die Auseinandersetzung noch einmal an Schärfe gewonnen. Grund ist das Ergebnis der jüngsten Begutachtung des Naturschutzgebiets durch die Sachverständigen des Europarats.
Das Ried mit Europadiplom
Seit 1968 besitzt das Wollmatinger Ried das so genannte Europadiplom. Gerade erst wurde es um zehn Jahre verlängert, allerdings erstmals verbunden mit klaren Bedingungen. Demnach soll bis 2022 ein Managementplan aufgestellt werden, der die Qualität des Gebiets zur Überwinterung, zur Mauser und als Brutstätte verbessert. Wie dies erreicht werden kann, ist für die Sachverständigen klar: Sie fordern die „Beendigung der Fischerei in den empfindlichsten Gebieten“, so in der Bucht zwischen Hegne und dem Damm zur Reichenau sowie in den „Schläuchen“, also den Wasserarmen, die ins Ried führen.
Doch die rund 20 Berufsfischer, die im Fischereiverband Untersee und Rhein zusammengeschlossen sind, wollen davon nichts wissen. Ein runder Tisch mit den Naturschützern habe zu keiner Einigung geführt, sagt Riebel. „Der Status quo muss so bleiben.“ Seit die Erträge beim Felchen, dem Brotfisch der Bodenseefischer, immer weiter in den Keller gingen, werde die Flachwasserzone fürs Überleben immer wichtiger. Dort tummeln sich Karpfen Aale und Barsche. „Da haben wir wenigstens noch ein klein wenig Leben“, sagt Riebel. Es ist die alte Klage der Fischer: Seit der See immer sauberer werde, fehle es an Nährstoffen.
Der Zielkonflikt
Tatsächlich gingen den Berufsfischern zwischen Reichenau und Höri in diesem Jahr noch keine zwölf Tonnen Felchen ins Netz. Ob der ebenfalls schwache Wert des Vorjahres von 44 Tonnen bis zum Beginn der Schonzeit Mitte Oktober noch erreicht werden kann, ist fraglich. Trotzdem führt für Klein kein Weg daran vorbei, dass die Berufsfischer aus dem Naturschutzgebiet verbannt werden. „Die leben ohnehin nicht vom Fischen, sondern vom Fischhandel“, sagt Klein. Riebel streitet das nicht ab. Nur fünf bis zehn Prozent seiner Fische stamme noch aus dem See. Doch regionale Ware werde immer wichtiger. Ohne Bodenseefisch bekomme der Tourismus der gesamten Region ein Problem. Es ist ein Zielkonflikt. Denn auch der Verlust des Europadiploms wäre ein gewaltiger Imageschaden.