Die bisherigen Pläne zur Führung der Gäubahn von Vaihingen an einen neuen Haltepunkt am Nordbahnhof sind offensichtlich gescheitert. Die Deutsche Bahn AG will auf den Gleisen zwischen Vaihingen und Stadtmitte (wegen der Ausblicke Panoramabahn genannt) stattdessen Prellböcke „als Gleisabschluss“ aufstellen. Man wolle so eine Wendemöglichkeit für die Gäubahnzüge einrichten. Am Weiterbetrieb der Strecke bestehe „kein Interesse“.
Die DB gibt die Strecke gern ab
Thorsten Krenz, DB-Bevollmächtigter im Land, spricht in einem Schreiben an das Verkehrsministerium von einem „adäquaten Ersatzkonzept, unter anderem mit bahnsteiggleichen Umstiegen von der Gäubahn zur S-Bahn z. B. im Bahnhof Böblingen“. Wolle ein anderer Betreiber die Panoramabahn befahren, stehe man „für Gespräche gern zur Verfügung“.
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Die anstehende Beerdigung des sogenannten Nordhalts hat Jürgen Wurmthaler, Verkehrsdirektor des Verbands Region Stuttgart (VRS), nach einer nicht öffentlichen Arbeitsgruppensitzung dem Verkehrsausschuss der Region mitgeteilt. Das Scheitern hat Folgen auch für den Notfallbetrieb der S-Bahn, denn die Gäubahngleise dienen ihr bei Störungen oder Sanierungen – wie auch in diesen Sommerferien – als Ausweichmöglichkeit. „Kommt der Nordhalt nicht, entsteht uns langfristiger Schaden, wir wollen die Panoramastrecke unbedingt auch als Ausweichstrecke erhalten“, sagt Thomas Leipnitz, Fraktionschef der SPD in der Regionalversammlung.
Streit über die Betriebspflicht
„Unsere Beschlusslage ist, dass wir den Nordhalt wollen“, so Wurmthaler. Es gebe „hitzige Diskussionen“ zum Thema, sagt er auf Anfrage. Ein Knackpunkt sei, dass die Existenz der Panoramabahn im Finanzierungsvertrag des Projekts Stuttgart 21 nicht gesichert sei. Bis Ende 2025 könne der Nordhalt wohl nicht gebaut werden. Seine Planung kostete bisher 750 000 Euro.
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Das Verkehrsministerium pocht allerdings auf eine Betriebspflicht der DB für die Panoramastrecke, und zwar so lange, bis der neue Gäubahnanschluss an den Hauptbahnhof – wie es Stuttgart 21 vorsieht – über den Flughafen hergestellt ist. Die Gäubahn sollte nur vier Monate von der Stadtmitte abgehängt werden. So lange braucht die Bahn, um im Bereich des heutigen Gleisfeldes hinter dem Hauptbahnhof einen neuen Anschluss der S-Bahn herzustellen, der die Gäubahngleise zerschneidet. Am Flughafen will die Bahn nun aber umschwenken und nicht über die S-Bahn-Gleise, sondern durch neue Tunnel zum Airport fahren. Deren Planung und Bau dauern geschätzt 13 Jahre.
Showdown spätestens im Juli
Die Kappung in der Stadtmitte wäre allerdings mit einem einstelligen Millionenbetrag wieder zu reparieren, hat die DB selbst einmal in einem internen Papier zugegeben. Inzwischen, verlautet aus dem VRS, halte sie die einstmals genannten Kosten von 1,5 bis 2,5 Millionen Euro für nicht mehr haltbar. Zudem führe die Bahn gegen den weiteren Betrieb der Gäubahn nun auch erheblichen Aufwand für die Leit- und Sicherungstechnik ins Feld. Den Verzicht auf die Kappung hatte der Fahrgastbeirat Baden-Württemberg bereits im Februar 2019 gefordert, auch wenn dies „einen temporären Weiterbetrieb von Teilen des heutigen Kopfbahnhofes nach Inbetriebnahme von Stuttgart 21“ bedeute.
Spätestens im Juli könnte es zwischen DB und Ministerium zum Showdown kommen. Dann wollen sich die S-21-Partner in einer Sondersitzung des Lenkungskreises auf den Bau der Gäubahntunnel zum Flughafen festlegen. Bis dahin, so wurde es am 2. Mai vereinbart, sollte eine Einigung über den Fortbetrieb der Panoramabahn bis zum neuen Nordhalt vorliegen. Davon sind die Partner nun maximal entfernt.
Massive Kritik an der Stadtverwaltung
Christoph Ozasek, parteiloser Stadtrat im Rathaus und in der Region parteiloser Vorsitzender der Fraktion Linke/Piraten, sagt: „Es brennt lichterloh.“ Der Weiterbetrieb der Panoramabahn drohe sich zu zerschlagen, und wenn erst einmal Gras darüber gewachsen wäre, würde – Stichwort Artenschutz – die Wiederaufnahme des Betriebs „ungeheuer schwierig“. Im Technik-Ausschuss des Gemeinderats warnte Ozasek, die Stadtverwaltung fahre das Projekt Panoramabahnbetrieb an die Wand. Im Gespräch mit unserer Zeitung macht Ozasek dafür ein „administratives Versagen“ im Rathaus verantwortlich – und eine Weigerung von OB Nopper (CDU) und seinen Mitarbeitern, in dieser Frage eine Haltung einzunehmen. In dem für S 21 zuständigen Verwaltungsteam gebe es keinen bahnpolitischen Sachverstand. „Da interessiert sich niemand für die Panoramabahn.“