Stuttgart - Ob Wolfgang Joop Zeit seines nun 73-jährigen Lebens bedeutende Beiträge zur internationalen Mode geleistet hat, darüber kann man je nach Geschmack streiten. Auf jeden Fall ist der Mann immer gut für steile Thesen zum Welt- und Alltagsgeschehen. Gerade hat ihm eine Boulevardzeitung eine große Überschrift spendiert; ein Joop-Zitat, das zweifellos Gesprächsstoff bietet: „Bald wird es Hass gegen Alte geben“. Die Medizin mache weiter Fortschritte, so Joop, die Lebenserwartung der Deutschen steige ständig, „die Alten“ stürben immer später. „Wenn ich Gleichaltrige sehe, denke ich oft: ,Hier muss bald abgeräumt werden’. Harte Worte – die den Leser natürlich auch auf die Idee bringen können, der nicht nur von Berufs wegen stark an Selbstinszenierung orientierte Joop hadere vor allem mit den Begleitumständen seines eigenen Alters. Aber dass hinter der Provokation ein ernsthaftes Problem steckt, wird keiner bezweifeln können. Die deutsche Gesellschaft wird in den kommenden Jahren im Durchschnitt immer älter werden, und das nicht nur aus medizinischen, sondern vor allem aus statistischen Gründen.
Die Jungen müssen ordentlich ran
Zwischen 1955 und 1969 gab es jedes Jahr weit über eine Million Geburten (West- und Ostdeutschland zusammengerechnet). Danach stürzte diese Zahl rapide ab und liegt bereits seit geraumer Zeit deutlich unter 800 000. Die geburtenstarken Jahrgänge bewegen sich mithin alle langsam, aber stetig in Richtung Rentenalter. Dieses auch in Zukunft für möglichst alle würdig und sozial abgesichert zu gestalten, wird vor allem von den geburtenschwachen Jahrgängen zu leisten sein. Oder knapper formuliert: Damit es den vielen Alten künftig gut geht, müssen die Jungen ordentlich ran. Auf die Probleme der Generationengerechtigkeit machen quer durch alle Parteien immer wieder vor allem jüngere Politiker aufmerksam – zum Beispiel, wenn es um die nächste Rentenreform geht oder um künftige Schritte bei der Pflegeversicherung, aber auch in den Debatten um die häufig mangelhafte Ausstattung von Schulen oder Universitäten. Häufig werden solche Sprecher von ihren parteivorgesetzten Granden brüsk zurückgepfiffen: Man dürfe auf gar keinen Fall zwischen Alt und Jung polarisieren und so gesellschaftliche Gräben aufreißen.
Mit Schwung ran an die Themen, die für Junge wichtig sind
Das mit den Gräben ist zwar immer richtig. Ein bisschen mehr Sinn für das langfristige Miteinander von Jung und Alt in Deutschland ist der politischen Kultur aber dringend zu wünschen – und nicht jeder, der auf die künftigen Finanzprobleme des Sozialsystems hinweist, will dieses deswegen gleich komplett abschaffen. Natürlich werden wir in den kommenden Jahren viel Kraft aufbringen müssen, um beispielsweise die Pflege und gesundheitliche Versorgung älterer Menschen noch besser zu gestalten. Unsere Gesellschaft ist übrigens reich und stark genug, um die nötigen Mittel aufzubringen. Aber wir sollten uns mit gleichem Schwung und gleicher Tatkraft auch jenen Themen widmen, die für die Zukunft der Jungen im Land besonders wichtig sind, zum Beispiel Bildung, Umwelt, Energie und Infrastruktur. Je mehr man sich klar macht, wie ernst und umfassend das Thema ist, desto ärgerlicher wird allerdings die Wurstigkeit der Worte, mit der Modemeister Joop versuchte, originell zu sein. Nein, „abgeräumt“ wird in der Generation 70-plus ganz sicher niemand. Eine Gesellschaft ist vielmehr dann besonders dynamisch, wenn sie von Ideen und Energie aller profitiert, von der Tatkraft der Jungen wie von den Erfahrungen der Älteren. Eben von einer gesellschaftlichen Kultur des respektvollen Miteinanders.
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