Konflikt in der Stadt Aichtal Schützenverein und Stadt duellieren sich

Die Verwaltung Aichtal streitet mit dem Schützenverein Grötzingen, für dessen Interessen unter anderem Gordon Gonsior (links) und Hartmut Borkowski kämpfen. Foto: Caroline Holowiecki

Die Verwaltung von Aichtal will auf dem Gelände des Schützenvereins Grötzingen einen Naturkindergarten einrichten und hat dem Club gekündigt. Der wiederum will die Fläche nicht aufgeben. Der Bürgermeister Kurz droht nun mit einer Räumungsklage.

Diesen Streit wird wohl nur noch ein Gericht beenden können. Die Stadt Aichtal und der Schützenverein Grötzingen haben sich überworfen. Beide Parteien kommunizieren nur noch über Anwälte. Stein des Anstoßes: Das städtische Gelände im Grünen, das der Verein seit Jahrzehnten für seine Aktivitäten nutzt und wo er seine Gaststätte, das Schützenhaus, betreibt. Die Stadt hat es auserkoren, um darauf einen neuen Naturkindergarten zu etablieren. Der Club denkt jedoch gar nicht daran, das Feld zu räumen, immerhin hat er seit 50 Jahren einen Pachtvertrag.

 

Viel zu sehen gibt es nicht auf dem Gelände. Eine 100- und eine 50-Meter-Bahn werden aktuell lediglich von der Unterabteilung der Bogenschützen genutzt. Damit hier wieder mit Gewehren geschossen werden dürfte, müsste der Verein Auflagen des Landratsamts erfüllen. „Das konnte der Verein bislang nicht finanziell stemmen“, sagt Hartmut Borkowski, der Schießleiter. Zudem gibt es eine halb eingehauste 25-Meter-Bahn, auf der mit Kurzwaffen trainiert wird. Diese wird laut dem zweiten Vorsitzenden Gordon Gonsior sowohl vom 35 Mitglieder starken Schützenverein als auch vom ebenfalls in Aichtal ansässigen 50-köpfigen Verein für dynamischen Schießsport genutzt.

Stadtverwaltung kündigt den Schützen den Pachtvertrag

Seit vergangenen November hängt hier der Haussegen schief. Damals, so erzählen es die Männer, haben sie im Gemeinderat von den Kita-Plänen erfahren. „Wir sind überhaupt nicht einbezogen worden“, moniert Hartmut Borkowski. Im März habe die Stadtverwaltung den Pachtvertrag gekündigt, dem Verein aber offeriert, die 25-Meter-Bahn weiter nutzen zu dürfen, wenn er die anderen Bahnen räume. Damit ist der Club allerdings nicht einverstanden, schließlich beabsichtige der, seine Schießzeiten auszuweiten.

Auch Heike Laux, seit 13 Jahren Wirtin im Schützenhaus, ist aufgewühlt. Bislang sei keiner aus dem Rathaus auf sie zugekommen, lediglich Gerüchte hätten sie erreicht. „Ich werde schon von Gästen angesprochen: Ihr macht ja zu.“ Sie betont: „Für mich ist es meine Existenz.“ Um die Existenz geht es laut der beiden Vorstandsmitglieder auch beim Verein, denn der Verlust des Clubareals „würde heißen, der Verein wäre tot“, sagt Borkowski.

Die Schützen haben der Stadt ein Angebot unterbreitet. Sie seien bereit, die langen Bahnen freizugeben, wenn die Stadt sich im Gegenzug am Umbau der halb offenen 25-Meter-Bahn zu einer richtigen Halle – Kosten laut Verein rund 250 000 Euro – beteilige. Denn den Weiterbetrieb eines halb offenen Schießstandes in der Nähe von Kindern schließt Gordon Gonsior aus. Ebenso wünscht sich der Verein eine Lösung für die Wirtin. Die Stadt habe das Geforderte über ihren Anwalt abgelehnt.

Der Bürgermeister Sebastian Kurz hat eine andere Sicht der Dinge. Die Familien in der Stadt seien auf das pädagogische Angebot angewiesen. Mit dem Esslinger Landratsamt seien acht Standorte geprüft worden, am Ende sei das Areal als einzige Option übrig geblieben. Überhaupt gehe es nur um eine nicht genutzte Teilfläche. „Wir sind bereit, dem Schützenverein nach wie vor die Fläche für den genutzten 25-Meter-Pistolenschießstand zu verpachten.“ Für die beiden längeren Bahnen liege keine immissionsschutzrechtliche Genehmigung vor. Das habe das Landratsamt der Stadt schriftlich bestätigt. „Heißt, der Schützenverein darf die beiden Bahnen gar nicht nutzen.“

Verwaltung widerspricht den Vorwürfen des Vereins

Richtig sei, dass das Lokal während der geplanten Betreuungszeiten geschlossen sein müsse. „Mit Hinblick auf die bestehenden Öffnungszeiten des Restaurants müssen hier keine Veränderungen vorgenommen werden, und die Bewirtschaftung des Restaurants kann ohne Anpassung fortgeführt werden“, sagt Sebastian Kurz. Dass die Sportler nicht einbezogen worden seien, will er indes nicht gelten lassen. „Der Schützenverein wurde im Frühjahr 2023 über die Planungen informiert und zu einem Vor-Ort-Termin eingeladen. Diesen Termin nahm der Verein jedoch nicht wahr. Auf mehrfache Mails reagierte der Verein nicht.“ Die Stadt sei stets gesprächsbereit gewesen und habe erst einen Rechtsanwalt eingebunden, als der Schützenverein rechtlich gegen die Kündigung vorgegangen sei.

Bis zum 31. Juli hätte der Verein die Kündigung akzeptieren sollen. Diese Frist ist verstrichen. „Nachdem alle Versuche der Stadt Aichtal, eine außergerichtliche Einigung zu erzielen, vom Schützenverein abgelehnt wurden, werden wir beim Landgericht Stuttgart eine Räumungsklage einreichen“, sagt Sebastian Kurz. Die Kündigung sei rechtmäßig. Zumal dem Verein das Grundstück unentgeltlich überlassen worden sei, „handelt es sich vorliegend um einen Leihvertrag. Der Verleiher kann die Sache jederzeit zurückfordern“. Die Schützen wiederum sind ebenso zuversichtlich, Recht zu erhalten. Hartmut Borkowski betont: „Man kann uns nicht rauskündigen, außer wir würden nicht mehr schießen.“

Kinderbetreuung in Aichtal

Situation
Aichtal verfügt über neun kommunale Kindertageseinrichtungen, einen Waldorfkindergarten, einen Waldkindergarten sowie die Kindertagespflege über den Tageselternverein. Im neuen Bildungscampus Weiherbach in Grötzingen soll zudem neben einer zweizügigen Grundschule eine sechsgruppige Kita mit zwei U3- und vier Ü3-Gruppen integriert werden. Dabei werden allerdings zwei bestehende Kitas mit insgesamt drei Ü3-Gruppen im Bildungscampus inkorporiert werden.

Bedarf
Aktuell bietet die Stadt alles in allem 461 Betreuungsplätze für Kinder unter sechs Jahren. Das reicht allerdings nicht. Zum Anmeldestichtag fürs Kindergartenjahr 2024/2025 fehlten sechs U3- und 25 Ü3-Betreuungsplätze. „Über die letzten Jahre ist ein klarer Zuwachs des Betreuungsbedarfs hinsichtlich der Kleinkindbetreuungsplätze erkennbar, sodass ohne die Neuschaffung von Kita-Gruppen die Betreuungsquote fallen dürfte“, sagt der Aichtaler Bürgermeister Sebastian Kurz.

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