Kongo Der Kriegsverbrecher verlangt nach seinem Richter

Von Johannes Dieterich 

Seit Jahren hat der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag nach dem Rebellenführer Bosco Ntaganda gefahndet. Nun stellt der sich in Ruanda selbst.

Die guten Tage von Bosco Ntaganda (mitte) sind vorbei. Er fürchtet um sein Leben. Foto: AP
Die guten Tage von Bosco Ntaganda (mitte) sind vorbei. Er fürchtet um sein Leben. Foto: AP

Kigali - Diplomaten in der US-Botschaft von Kigali trauten ihren Augen nicht. Wer da am Montag Zutritt zu ihrem Gebäude in der ruandischen Hauptstadt erbat, war kein anderer als Bosco Ntaganda – der „Terminator“ aus der Demokratischen Republik Kongo. Dessen Name steht bereits seit sieben Jahren auf der „Most-Wanted“-Liste des internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag. „Wir waren schockiert“, sagte ein Botschaftsangestellter der Nachrichtenagentur Reuters.

Die Überraschung nahm noch zu, als man vom Verlangen des Kriegsfürsten erfuhr, der wegen schwerster Menschenrechtsverletzungen angeklagt ist. Er würde gerne nach Den Haag ausgeliefert werden, soll der knapp 40-Jährige nach Angaben des Washingtoner State Departments gebeten haben. Was Ntaganda zu diesem Schritt bewog, bleibt sein Geheimnis. Allerdings ist anzunehmen, dass die Alternativen zu einem womöglich langjährigen Aufenthalt in einer Haager Zelle für den Ex-General noch ungemütlicher wären.

600 loyale Kämpfer sind geflohen

Tatsächlich hatte sich in den vergangenen Wochen ein Großteil seiner Mitstreiter in der Rebellenbewegung M 23 von ihm losgesagt. Ausnahmsweise musste der Terminator mal um sein eigenes Leben bangen. Seit dem 28. Februar anhaltende Kämpfe innerhalb der Rebellenbewegung hatten Ntagandas Flügel entscheidend geschwächt. Rund 600 der ihm loyalen Kämpfer waren am Wochenende aus der kongolesischen Nordkivu-Provinz auf ruandisches Territorium geflohen.

Dort ergaben sie sich den ruandischen Soldaten, die ohnehin als M-23-Unterstützer gelten. Dass die Absetzbewegung des Ntaganda-Flügels womöglich ein mit der Regierung in Kigali abgekartetes Spiel war, halten Kenner der Region für nicht ausgeschlossen. Wie anders hätte es der prominente Kriegsfürst geschafft, in dem von Straßensperren übersäten Kleinstaat unbemerkt in die US-Botschaft zu gelangen?

Ruanda mischt schon seit den vom Völkermord vor 19 Jahren ausgelösten regionalen Wirren in den Ostprovinzen des benachbarten Kongo entscheidend mit. Eine wichtige Rolle spielte dabei der in Ruanda geborene und im Ostkongo aufgewachsene Tutsi Bosco Ntaganda, der sowohl der Ruandischen Patriotischen Front des heutigen Präsidenten Paul Kagame wie später verschiedenen kongolesischen Befreiungsbewegungen angehörte. Seine Anklage vor dem Haager Gericht stützt sich auf Menschenrechtsverletzungen, die er als Kriegsfürst in den Jahren 2002 und 2003 in der Ituri-Region begannen haben soll. Unter anderem werden ihm die Rekrutierung von Kindersoldaten sowie die Anordnung von Morden, Vergewaltigungen und sexueller Versklavung vorgeworfen. Auch später soll der Terminator grausamste Gewalttaten angeordnet haben: So kommandierte er im Jahr 2008 Einheiten des „Nationalkongresses für die Verteidigung des Volkes“, die in dem Dorf Kiwanji an einem Tag mindestens 150 Zivilisten massakrierten.

500 000 Menschen auf der Flucht

Nach einer Vereinbarung mit der Regierung in Kinshasa wurde Ntaganda ein Jahr später mit seiner Rebellentruppe in die regulären kongolesischen Streitkräfte integriert. Kinshasa weigerte sich zudem beharrlich, den zum General ernannten Kriegsfürsten nach Den Haag auszuliefern – in diesem Fall würde der mühsam gefundene Frieden wieder zunichte gemacht, hieß es. Anfang vergangenen Jahres kehrten die Ex-Rebellen jedoch von sich aus der Armee den Rücken und gründeten die Bewegung M 23: Bei den darauf folgenden monatelangen Zusammenstößen wurden nach UN-Angaben mehr als eine halbe Million Menschen vertrieben.

Westliche Gebernationen stellten daraufhin ihre Hilfe für die ruandische Regierung zumindest teilweise ein, weil diese als Drahtzieher der M 23 gilt. Um die Geber wieder günstig zu stimmen, sei nun Bosco Ntaganda zum Bauernopfer geworden, heißt es in Kigali. Zumindest in Den Haag hat man sich über die Zusammenarbeit mit den ansonsten eher unkooperativen afrikanischen Regierungen gefreut. Nun hofft das Gericht auf eine schnelle Auslieferung.




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