InterviewKongress Raumwelten in Ludwigsburg „Wem gehört der Raum?“

Raumgestaltung der griechischen Keynote-Sprecherin Aemilia Papaphilippou:  „Liquid Sky“ im  Onassis Cultural Center (2010) Foto: FMF
Raumgestaltung der griechischen Keynote-Sprecherin Aemilia Papaphilippou: „Liquid Sky“ im Onassis Cultural Center (2010) Foto: FMF

In Ludwigsburg beginnt der Kongress Raumwelten: Ein Gespräch mit den Leitern Dieter Krauß und Ulrich Wegenast darüber, wie sich öffentlicher Raum im Interesse der Bürger entwickeln lässt.

Kultur: Bernd Haasis (ha)
WhatsApp E-Mail LinkedIn Flipboard Pocket Drucken

Stuttgart – - In Ludwigsburg beginnt der Kongress Raumwelten – ein Gespräch mit den Leitern Dieter Krauß und Ulrich Wegenast

Herr Krauß, Herr Wegenast, was ist das Ziel Ihrer Veranstaltung?
Wegenast: Entwicklungen früh zu thematisieren und ein Bewusstsein zu schaffen, dass Räume nicht überwiegend funktional gedacht werden dürfen. Wir hoffen, dass von den vielen Inspirationen und Anregungen aus aller Welt etwas hängenbleibt.
Krauß: Menschen für die Qualität ihrer Lebensumwelt zu sensibilisieren. Klanggestaltung etwa wird in den Städten wichtiger, wenn mit zunehmender E-Mobilität das Grundrauschen abnimmt. Mir gefällt der disziplinübergreifende Charakter der Veranstaltung, das sehr breite Spektrum an Themen. Das ist komplex und bleibt eine Herausforderung in der Kommunikation.
Wegenast: Dabei geht es uns um ganz handfeste, konkrete Dinge. Anne Stenros hat als Chief Design Officer von Helsinki die brennenden Fragen der Stadtentwicklung jeden Tag auf dem Schreibtisch, Albrecht Fischer von Bosch arbeitet an realen Arbeitswelten.
Krauß: Ein Start-up-Center in Mannheim hat einen Beauftragten für kulturelle Stadtentwicklung – darauf bin ich sehr neugierig.
Ihre Eröffnung findet bei der Ludwigsburger Firma Mann + Hummel statt – was macht die richtig?
Wegenast: Sie haben die Unternehmenszentrale neu entwickelt mit einer künstlerisch gestalteten Agora und einem Museum, in dem das Schweizer Büro Holzer Kobler Filtertechnologie auf so intelligente Art ausgestellt hat, als wäre sie Teil einer Installation der Gruppe Kraftwerk. Das ist eine völlig neue Arbeitswelt und ein sichtbares Zeichen, dass das Unternehmen sich gewaltig transformiert, um Geschäftsfelder jenseits der Automobilbranche zu erschließen.
Mann + Hummel ist auch Sponsor von Raumwelten. Wie tarieren Sie dieses Verhältnis aus?
Krauß: Da gilt der Grundsatz meines Vorgängers Dittmar Lumpp: Wir betreiben kein klassisches Sponsoring, sondern akquirieren Kooperationspartner, die ein gleiches Interesse haben. Das gilt fürs Trickfilm-Festival ebenso wie für Raumwelten. Wir wollen uns bei Mann + Hummel präsentieren, die wiederum wollen mit Raumwelten in Verbindung gebracht werden.
Wegenast: Der Kofinanzierungsbeitrag ist wichtig, aber es geht vor allem darum, Raumwelten wirklich zu erleben. Je mehr sich alles digitalisiert und virtualisiert, umso wichtiger werden real gebaute Räume. Da geht es um Herausforderungen und um Lösungen durch Architektur, durch Kommunikation im Raum, durch Inszenierung. Da passieren auch Fehler. Der Architekt Jürgen Mayer H. hat einen Platz in Sevilla mit einer Schirmkonstruktion neu gestaltet und im vorigen Jahr skizziert, wie steinig der Weg war, bis die Bevölkerung ihn sich angeeignet hat. Ein Grundproblem solcher Projekte ist ja, dass der Mensch in der Planung nur dazu da ist, den Maßstab herzustellen.
Projekte wie in Sevilla sind echte Attraktionen. Wieso tut sich Stuttgart damit so schwer?
Wegenast: Die Stadtbibliothek ist zumindest ein Wurf, ein Statement. Aber um Geld zu sparen hat man außen eine Grünfläche installiert statt des geplanten Wassers, obwohl eine zentrale Aussage des Architekten war, dass sich das Gebäude noch einmal spiegelt, dass es eine gewisse Distanz hat. Beim Parkhaus an der Messe wurde die geplante Landschaftsbrücke für Spaziergänger von den Filderäckern zum Flughafen eingespart. Diesen letzten Schritt nicht zu gehen, der die Entwürfe über reine Funktionalität hinaus ausmacht, ist ein spezifisches Stuttgarter Problem. Aber es gibt großes Interesse, die Stadt zu entwickeln, bei Initiativen wie Aufbruch Stuttgart, aber auch bei der Politik – die hat ja die Internationale Bauausstellung (Iba) nach Stuttgart geholt.
Werden Sie die Iba inhaltlich begleiten?
Wegenast: Die Wirtschaftsregion Stuttgart (WRS), einer unserer großen Gesellschafter, möchte, dass wir von Anfang an Teil des Entwicklungsprozesses sind. Es ist wichtig, dass die Themenfindung transparent gemacht wird und es Möglichkeiten gibt, da etwas zu initiieren. Wir können einiges bieten in der Vorschau mit Gestaltern und Planern. Den Auftakt machen wir jetzt mit einer öffentlichen Diskussionsrunde zur Iba.
Vielen Bürgern scheint es so, als bestimmten in Stuttgart Investoren das Stadtbild  . . .
Wegenast: Viele Investoren bauen so, dass bald wieder abgerissen wird und sie neu bauen und verdienen können. Natürlich gibt es gelungene Ausnahmen wie das Dorotheen-Quartier, doch die öffentliche Hand muss mehr Vorgaben machen. Nicht bürokratisch, sondern im Sinne von Gestaltung und Steuerung. Wem gehört der Raum, wie wird er bespielt? Das lateinische Wort „privare“ heißt vorenthalten und berauben. Ich bin nicht gegen Privatisierung, aber für eine gute Balance.
Krauß: Verwaltungen glauben gerne, Dinge würden von selbst funktionieren. Das tun sie oft aber nicht, dafür gibt es zig Beispiele. In Tübingen etwa gibt es diese unwirtliche Unterführung vom Bahnhof Richtung Stadtmitte – eine völlige Fehlplanung.
Was müsste eine zeitgemäße Stadtplanung berücksichtigen?
Krauß: Der Dokumentarfilmer Dominik Wessely hat in „Gottes Plan und Menschen Hand“ gezeigt, nach welchen Prinzipien Dörfer entstanden sind, Wege und Häuser angeordnet wurden. Das hatte alles einen Sinn, und den haben wir an vielen Stellen ­ignoriert und verloren.
Wegenast: Wenn der Entwurf des Stuttgarter Büros Haas Cook Zemmrich für ein neues Film- und Medienhaus verwirklicht wird, gewinnen wir etwas zurück: Wo derzeit das Breuninger-Parkhaus wie ein Riegel das Bohnenviertel verdeckt, soll ein völlig neuer Raum entstehen hin zur Leonhardskirche, da werden die alten Blickachsen wiederhergestellt, man kann dann wieder hochschauen bis zur Olgastraße, der organisch gewachsene Grundriss der Stadt wird wieder sichtbar. Und trotzdem steckt da viel Modernität drin.
An Ideen mangelt es nicht. Der Szenograf Johannes Milla hat vor vielen Jahren Gondelbahnen für die Hanglagen vorgeschlagen.
Wegenast: Man könnte die Topografie mit all ihren Problemen als Chance begreifen, kreative Lösungen zu finden. Stuttgart könnte Vorreiter in der E-Mobilität werden, die nun China vorantreibt. Was Deutschland auch hemmt, sind Überreglementierung und Planungswahn, die Projekte langwierig und teuer machen. Ein Kilometer Autobahn kostet bei uns fünf Mal so viel wie in anderen Ländern. Dabei kann Provisorisches zu Dauerhaftem werden. Die anarchische Stuttgarter Initiative Umschichten zeigt das: Sie sorgt mit kleinen, gewollt chaotischen Interventionen für Aufsehen. Und das nicht gegen die Verwaltung, sondern mit ihr.
Im Wettbewerb „Ludwigswelten“ dürfen ­Jungakademiker Ideen für die Gestaltung der Ludwigsburger Weststadt einbringen. Ist Ludwigsburg ambitionierter als Stuttgart?
Wegenast: Dort sieht man die Chancen. „Ludwigswelten“ zielt auf Interventionen, Zwischennutzungen und dauerhafte Ausrufezeichen im Stadtbild. Und wo sonst meist 50- bis 70-Jährige die Welt von morgen gestalten, bekommt hier die Jugend eine Chance. Ich bin ein großer Anhänger der Mehrgenerationenidee. Tobias Wallisser, heute Professor an der Kunstakademie Stuttgart und Kurator von Raumwelten, hat ja auch mit Ende 20 das Mercedes-Museum entworfen.




Unsere Empfehlung für Sie