Konjunktur im Kreis Böblingen Wenig Optimismus bei Firmen: „Der Export ist unsere Achillesferse“

Factory 56 in Sindelfingen: Läuft derzeit unter ihren Möglichkeiten – und drückt auf die Konjunkturstimmung im Kreis. Foto: Archiv/Stefanie Schlecht

Mit nur 16 Prozent optimistischen Firmen und einem Konjunkturindikator knapp über der Nulllinie fordert die Industrie- und Handelskammer schneller und mehr politisches Handeln.

Böblingen: Jan-Philipp Schlecht (jps)

Der Konjunkturmotor im Landkreis Böblingen stottert nach wie vor erheblich. Das geht aus dem jüngsten Konjunkturbericht der IHK-Bezirkskammer Böblingen hervor, der am Dienstag in einem Pressegespräch vorgestellt wurde. Obwohl die etwa 200 teilnehmenden Unternehmen bei der IHK-Konjunkturumfrage erstmals seit zwei Jahren eine leichte Erholung vermelden, liegt der Geschäftslage-Indikator mit 4,6 nur knapp über der Nulllinie. Besonders bitter: Nur etwa 16 Prozent der Unternehmen blicken optimistisch in die Zukunft.

 

Die Auftragslage in Industrie und Handel bleibt schwach, und die Erwartungen sind insgesamt weiterhin pessimistisch. Auch der Arbeitsmarkt zeige sich fragil mit einem Anstieg der Arbeitslosigkeit im Kreis auf 4,6 Prozent. Dazu sagt IHK-Präsident Andreas Weeber: „Die Industrie hat sich zwar auf einem niedrigen Niveau stabilisiert, doch wir sehen hier immer noch keine Trendwende.“ Die Exportabhängigkeit im Kreis Böblingen sei Fluch und Segen zugleich.

Export ist „Achillesferse“ des Kreises

Sorgt sie in guten Zeiten für stabile Geschäfte, erweist sich die Exportstärke in geopolitisch unsicheren Zeiten wie diesen als „Achillesferse des Kreises“, sagt Andreas Weeber. Auch die Wirtschaftspolitik in Deutschland wird weiterhin als belastend empfunden, was wie Mehltau auf die Stimmung drückt. „Von einem ‚Herbst der Reformen’ hatte man sich vonseiten der Unternehmen sicher mehr erhofft“, sagt Weeber, der auf der Bezirksversammlung nach den Wünschen der Unternehmen in Sachen Bürokratieabbau gefragt habe – mit einem überraschenden Ergebnis.

IHK-Präsidium mit Andreas Weeber (Mitte vorne) und Marion Oker (vorne li.) Foto: jps

Weeber: „Wir haben über 30 Antworten bekommen von den Firmen, darunter allerdings keine Doppelnennung.“ Jedes Unternehmen werde durch eigene bürokratische Hemmschuhe behindert, was laut Weeber alarmierend sei. Die Liste der Ärgernisse ist lang, einige Auszüge: Die Auflage einen „Leiterbeauftragten“ im Unternehmen zu bestimmen oder die bürokratisch aufwendige Umwidmung von Produktions- in Lagerflächen sorgten für hohe Kosten und zeitlichen Aufwand, um nur ausgewählte zu nennen.

Weeber forderte eindringlich dazu auf, diese Missstände zu beseitigen. In einem Treffen mit Vertretern der Bundes-, Landes- und Kommunalpolitik „habe man die Sorgen der Wirtschaft zwar verstanden“, sagt IHK-Geschäftsführerin Marion Oker. „Aber es scheitert daran, dass es in der Umsetzung nicht ankommt.“ Weitere Probleme seien laut IHK die extrem langen Zugangswege in den Arbeitsmarkt, wobei die Sprachkenntnisse nicht das Problem seien. Weeber: „Wer einmal einen Arbeitsplatz hat, lernt die Sprache meist schneller als in einem Abendkurs.“

„Bei den niedrigen Industriestrompreisen der USA können wir nicht mithalten.“

Andreas Weeber, IHK-Präsident

Als belastend würden außerdem die hohen Industriestrompreise beschrieben, mit denen vor allem das produzierende Gewerbe kämpft. „Blickt man auf die Preise in den USA, sind wir in Deutschland keineswegs konkurrenzfähig“, sagt Andreas Weeber. Amerika bleibt aufgrund des schwachen Dollars und der erratischen Zollpolitik von Präsident Donald Trump außerdem eine Belastung für die wirtschaftliche Lage. „Hier vermischen sich die Negativfaktoren“, sagt Marion Oker.

Durchwachsen sei die Lage überdies in der Bauwirtschaft, wo die Investitionen in Wohnraum sehr zaghaft seien. „Dadurch spitzt sich die Lage auf dem Wohnungsmarkt immer weiter zu“, sagt IHK-Präsidiumsmitglied Christina Almert, die beruflich im Baustoffhandel tätig ist und die Lage daher am eigenen Leib spürt. Insgesamt sei die Stimmung im Einzelhandel mies: Das Weihnachtsgeschäft im stationären Handel war teils „miserabel“, und trotz guter Frequenzen bleiben die Umsätze aufgrund der Kaufzurückhaltung niedrig.

Aus der Gastronomie höre man ebenfalls überwiegend Klagen, so sei die Reduktion der Mehrwertsteuer zu Jahresbeginn zwar eine Erleichterung. „Durch die Anhebung des Mindestlohns werde sie aber gleich wieder aufgefressen, weshalb viele Gastronomen die Steuererleichterung nicht an ihre Gäste weitergeben können“, sagt IHK-Präsidiumsmitglied Katja Pacholczyk. Einzig aus der Dienstleistungsbranche vernehme man positive Signale: Immerhin 40 Prozent schätzen ihre Lage als gut ein.

Überraschend viele Neugründungen

Lichtblicke gibt es außerdem im Bereich der Unternehmensgründungen: „Hier sehen wir eine deutliche gestiegene Nachfrage nach Gründungsberatungen“, sagt Marion Oker. Der Abbau von Personalkapazitäten in der Industrie spüle gut ausgebildete und zum Teil gründungswillige Fachkräfte auf den Markt. „Manche von ihnen investieren ihre Abfindungen in ein eigenes Unternehmen – teilweise in ganz anderen Branchen“, sagt Marion Oker. Eine Start-up-Veranstaltung sei jüngst überbucht gewesen.

Nicht beklagen über die Zahl der Bewerbungen auf offene Stellen will sich IHK-Präsident Andreas Weeber, der im Hauptberuf das gleichnamige Autohaus mit mehreren Standorten führt. „Wir haben den Vorteil, nah dran zu sein am Thema Automobil, weshalb wir unsere Stellen gut besetzen können.“ In anderen Handwerksbereichen sei dieser Effekt aber kaum spürbar. Immerhin: Die Bewerberzahlen bei den Ausbildungen entwickelten sich ebenfalls nach oben.

Konjunkturbericht der IHK

Methodik
Die Industrie- und Handelskammer befragt regelmäßig ihre Mitgliedsunternehmen nach den Geschäftserwartungen und gießt die Ergebnisse in den IHK-Konjunkturbericht.

Ergebnis
Heraus kommen sogenannte Geschäftsindikatoren: Sie werden als Saldo von positiven und negativen Antworten ermittelt und liegen zwischen minus 100 und plus 100.

Zu Beginn 2026
liegt der Gesamtindikator bei der aktuellen Lage zwar mit 4,6 leicht im Plus, die Erwartungen sind mit minus 9,4 aber noch immer negativ. jps

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