Konjunkturpaket Mit neun Milliarden zum Wasserstoffpionier
Deutschland soll nach dem Plan der Bundesregierung zum Ausrüster der Welt mit neuer Technik werden.
Deutschland soll nach dem Plan der Bundesregierung zum Ausrüster der Welt mit neuer Technik werden.
Stuttgart - Die Zielmarke ist gesetzt, in aller Unbescheidenheit. Sie steht auf der neunten von 15 Seiten im Eckpunktepapier zum Konjunkturpaket: Die Bundesregierung werde kurzfristig eine nationale Wasserstoffstrategie vorlegen, und „deren Ziel soll es sein, Deutschland bei modernster Wasserstofftechnik zum Ausrüster der Welt zu machen“. Berlin will den Weg mit neun Milliarden Euro ebnen. Damit sollen die Maßnahmen 36 und 37 aus dem 57-Punkte-Katalog allein sieben Prozent zum großen „Wumms“ beitragen, den sich insbesondere Finanzminister Olaf Scholz (SPD) vom 130-Milliarden-Programm erhofft.
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An hohen Erwartungen hat es in diesem Zusammenhang bisher schon nicht gefehlt. „Wasserstoff ist das Erdöl von morgen“, formulierte etwa Forschungsministerin Anja Karliczek (CDU). Eher zäh verlief dennoch zuletzt die regierungsinterne Debatte. Das von Wirtschaftsminister Peter Altmaier, ebenfalls CDU, seit Längerem angekündigte Förderpaket verzögerte sich Woche um Woche. Die Verhandlungen um das Konjunkturpaket haben nun den Durchbruch gebracht. Die Koalition hat die letzten Streitpunkte geklärt und will die Strategie nächste Woche im Kabinett beschließen.
Worum geht es konkret? Grüner Wasserstoff spielt eine Schlüsselrolle bei der Abkehr von fossilen Energieträgern. Zu seiner Herstellung per Elektrolyse, der Aufspaltung von Wasser in Wasser- sowie Sauerstoff, wird viel Strom gebraucht. „Grün“ ist der Wasserstoff nur dann, wenn dieser Strom aus CO2-freien Quellen wie Sonne und Wind gewonnen wird. Ist diese Voraussetzung erfüllt, ermöglicht Wasserstoff als Energieträger die Klimawende in so unterschiedlichen Bereichen wie Stahl- und Chemieindustrie, im Verkehr oder als Heizstoff. Auch als Medium für die Speicherung von Strom dürfte das Gas umso wichtiger werden, je weiter der Ausbau der erneuerbaren Energien fortschreitet. Denn Wind- und Solaranlagen liefern den Strom nicht immer dann, wenn er gebraucht wird.
Noch fehlen aber – nicht nur in Deutschland – Produktionsanlagen im großen Maßstab. Was in Pilotanlagen bereits funktioniert, muss in industriell wirtschaftliche Dimensionen überführt werden. Nur dann lässt sich Wasserstoff zu konkurrenzfähigen Preisen erzeugen. Zudem muss die Nachfrage angeheizt werden – durch steigende CO2-Preise einerseits und Abnahmeverpflichtungen andererseits. Die Wasserstoffstrategie des Bundes setzt an diesen Punkten an. Mit Investitions- und Betriebskostenzulagen sollen bis 2030 industrielle Anlagen mit einer Elektrolysekapazität von fünf Gigawatt entstehen, weitere fünf – „nach Möglichkeit“ – bis 2035. Die Produktion wird von der EEG-Umlage befreit, um die Stromkosten zu bremsen. Auch eine Pflichtquote zur Beimischung von synthetischen Kraftstoffen zum Flugbenzin findet Erwähnung im Konjunkturpaket. Sie ist jedoch nicht beschlossen, sondern wird nur „geprüft“.
Derartige Quoten, davon ist Tim Böltken, der Gründer des Karlsruher Start-ups Ineratec, überzeugt, würden den Energiemarkt entscheidend in Richtung Klimaschutz drehen. Seine Firma gehört zu den Technologieführern im Bereich der sogenannten E-Fuels, die auf der Basis von Wasserstoff in Verbindung mit CO2 aus der Luft nicht fossile Benzin- und Dieselkraftstoffe herstellen. Die sogenannten E-Fuels können in Autos, Nutzfahrzeugen, Flugzeugen und Industrieanlagen eingesetzt werden. Auch viele Anlagenbauer aus der Chemie- und Raffineriebranche gehören zu führenden sogenannten Clean-Tech-Anbietern, denen die Regierung nun den Weg auf den Weltmarkt erleichtern will.
Da es in Deutschland absehbar nicht genug Kapazitäten für Wind- und Solaranlagen gibt, veranschlagt das Konjunkturpaket auch zwei Milliarden Euro zum Aufbau „außenwirtschaftlicher Partnerschaften“ mit Ländern, „in denen aufgrund der geografischen Lage Wasserstoff effizient produziert werden kann“. Neben dem Bau von Anlagen soll auch die Entwicklung von Speicher- und Transportmöglichkeiten gefördert werden, zudem die Gründung einer europäischen Wasserstoffgesellschaft.
Angesichts der starken internationalen Konkurrenz bleibt trotz der großen Summen die Frage, ob die deutsche Strategie ambitioniert genug ist. Werner Diwald, Chef des deutschen Wasserstoff- und Brennstoffzellenverbands, hatte sich mehr erhofft. „Das Ziel von fünf Gigawatt Elektrolysekapazität bis 2030 wird nicht reichen, um die industriepolitischen Ziele zu erreichen, es hätten eher zehn sein sollen – plus weitere zehn im Import.“ Für wichtiger als eine Quote beim Flugbenzin hält Diwald, dass der Einsatz von E-Fuels bei den CO2-Flottengrenzwerten von Autos berücksichtigt wird. Die Automobilhersteller würden dann, um die EU-Grenzwerte einhalten zu können, Zertifikate für die E-Fuel-Produktion kaufen – und damit die Wasserstoffwirtschaft zusätzlich befeuern.