Konjunkturschwäche Der Abschwung ist noch keine Krise

Die Exporteure bekommen die weltweite Abkühlung der Konjunktur zu spüren. Die deutsche Wirtschaft wird in diesem Jahr deutlich an Tempo verlieren. Auch im Südwesten zeigen sich bereits die ersten Bremsspuren.

Der industrielle Rückgang  geht auch auf die Probleme der Autobauer zurück. Foto: dpa
Der industrielle Rückgang geht auch auf die Probleme der Autobauer zurück. Foto: dpa

Frankfurt/Stuttgart - Die Warnzeichen mehren sich. Die Exporte deutscher Unternehmen wie auch die Industrieproduktion sind im November gesunken, bei der Industrieproduktion war es der zweite Einbruch in Folge. Die Hoffnung, dass der Rückgang der Wirtschaftsleistung im dritten Quartal nur eine kleine Delle war, hat dadurch einen Dämpfer erlitten. Am Dienstag wird das Statistische Bundesamt erste Zahlen zur Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts (BIP) 2018 veröffentlichen. Die meisten Ökonomen gehen davon aus, dass die Wirtschaft um 1,5 Prozent gewachsen ist – nach 2,2 Prozent im Vorjahr.

Sollte das BIP-Wachstum noch geringer ausfallen, werden die grassierenden Rezessionsängste neue Nahrung erhalten. Denn ein Plus von weniger als 1,5 Prozent würde darauf hindeuten, dass die Wirtschaftsleistung auch im letzten Vierteljahr geschrumpft ist. Zwei Minusquartale in Folge markieren laut einer gängigen Definition eine Rezession. Gewissheit darüber wird es aber erst im Februar geben, wenn die Statistiker endgültige Zahlen für das zweite Halbjahr vorlegen.

Ökonomen warnen vor Alarmismus

Führende Konjunkturforscher warnen vor Panikmache. „Selbst wenn es zu einer technischen Rezession gekommen sein sollte: Ich glaube nicht, dass uns die Konjunkturkräfte gänzlich verlassen“, sagte Timo Wollmershäuser vom Münchener Ifo-Institut unserer Zeitung. Sein Haus prognostiziert für das laufende Jahr ein Wachstum von 1,1 Prozent. Das wäre der schwächste Wert seit 2013, aber keine Wirtschaftskrise. Auch die anderen großen Forschungsinstitute rechnen mit Wachstumsraten über einem Prozent. Begründung: Wenn die Autoindustrie ihre Produktion nach der schwierigen Umstellung auf den neuen Abgastest WLTP wieder hochfährt, fällt ein großer Belastungsfaktor weg. Wachstumsraten über zwei Prozent dürften aber der Vergangenheit angehören, weil die Exporteure die weltweite Konjunkturabkühlung zu spüren bekommen.

„Wir sehen, dass der Aufschwung zu einem Ende kommt“, resümiert Stefan Kooths vom Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW). „Dass die Überauslastung der Wirtschaft zurückgeht, ist zunächst einmal aber keine schlechte, sondern eine gute Nachricht.“ Eine längere Überauslastung könne zu Fehlentscheidungen führen: „So kann die hohe Nachfrage Unternehmen dazu verleiten, ihre Geschäftsmodelle für tragfähiger zu halten als sie sind.“

Die meisten Bürger werden die Konjunkturabkühlung nach Einschätzung Wollmershäusers kaum zu spüren bekommen, denn viele Haushalte profitierten dieses Jahr von sinkenden Sozialabgaben oder Rentenerhöhungen. „Der Konsum wird die Konjunktur weiter stimulieren“, folgert der Ifo-Experte – zumal wegen des Wettbewerbs um Fachkräfte weitere Lohnsteigerungen erwartet werden. „Selbst wenn es zu einer Flaute in bestimmten Geschäftsbereichen kommen sollte, werden sich Unternehmen genau überlegen, ob sie Stellen abbauen oder nicht doch lieber Arbeitszeitkonten abschmelzen“, meint Kooths.

Industrie spürt Gegenwind

Arbeitszeitkonten hatten auch bei der Wirtschaftskrise vor zehn Jahren wesentlich mitgeholfen, die Probleme zu mildern, so etwa bei vielen Unternehmen des Maschinenbaus. Nach seinen jüngsten Konjunkturzahlen stellt Dietrich Birk, Geschäftsführer des Maschinenbauverbandes VDMA in Baden-Württemberg, fest, „dass die Schwankungen jetzt größer werden“. Einem schlechten September sei bei den Auftragseingängen ein guter Oktober gefolgt, diesem aber wieder ein schlechter November. Birk sieht aber noch keinen Anlass, die bisherige Prognose eines Umsatzwachstums von zwei Prozent für 2019 zu korrigieren. Die Unternehmen hätten im Schnitt noch Aufträge für etwas mehr als acht Monate in ihren Büchern stehen. Birk räumt ein, bei einer drastischen Verschlechterung der Wirtschaftslage könne es auch Stornierungen geben. Darauf habe sein Verband aber bisher noch keine Hinweise. Die Kapazitäten der Unternehmen seien immer noch zu 90 Prozent ausgelastet. Dies gilt als guter Wert, da eine Auslastung von 100 Prozent eher zu Problemen in der Produktion führen würde. Im vergangenen Jahr war der Umsatz im südwestdeutschen Maschinenbau allerdings noch um fünf Prozent gewachsen.

Einen Rückgang bei den Bestellungen hat der Reinigungsgerätehersteller Kärcher aus Winnenden in den vergangenen drei Monaten gespürt. Der Maschinenbauer Trumpf spricht von sinkenden Stückzahlen bei den Verkäufen in China. Nach den Angaben des Landesverbands der Industrie (LVI) hat es bereits im Spätsommer einen Einbruch in der Bewertung der Geschäftslage gegeben. Im Dezember habe sich die Stimmung aber wieder etwas gebessert, meint Christopher Busch, Referatsleiter beim LVI. Für das kommende Jahr rechnet der Verband mit einem Umsatzplus in der südwestdeutschen Industrie von 1,9 Prozent. „Die Phase der Hochkonjunktur ist vorbei“, sagt Busch. Die gute Beschäftigungslage könne aber außenwirtschaftliche Risiken abmildern.

Einzelhandel, Bauwirtschaft und Handwerk zuversichtlich

Dies unterstreicht auch eine Blitzumfrage des Handelsverbands Baden-Württemberg. Danach erwarten 70 Prozent der Unternehmen gleichbleibende oder steigende Umsätze. Nach ersten Ergebnissen einer Konjunkturumfrage der Industrie- und Handelskammer (IHK) Stuttgart sind die Unternehmen durch außenwirtschaftliche Risiken verunsichert. „Die Betriebe gehen aber nicht davon aus, dass die Konjunktur eine spürbare Delle bekommt“, sagte IHK-Präsidentin Marjoke Breuning. Nach einer Umfrage der IG Metall unter Betriebsräten rechnen mehr als zwei Drittel der Befragten für das laufende Jahr mit einer gleichbleibenden Entwicklung. Die Auftragseingänge seien weiter gut. Nach Spitzenwerten bis zum Sommer werde nun wieder ein normales Niveau erreicht.

Optimistisch zeigen sich Bauwirtschaft und Handwerk im Land. „Wir erwarten für das kommende Jahr ein Wachstum im ordentlichen einstelligen Bereich“, sagt Thomas Möller, Hauptgeschäftsführer der Bauwirtschaft Baden-Württemberg. Die Berliner Spitzenverbände der Branche prognostizieren ein Plus von rund sechs Prozent. Das Handwerk im Südwesten rechnet mit einer Umsatzsteigerung um 3,5 Prozent. Skeptisch ist allerdings das Kfz-Gewerbe: „Dort ist kein Licht am Ende des Tunnels zu sehen“, erklärte Oskar Vogel, Hauptgeschäftsführer des Baden-Württembergischen Handwerkstags.