Eine fiktive Papstwahl als Thriller? Dem deutschen Regisseur Edward Berger ist das mit seinem Film „Konklave“ nach dem gleichnamigen Roman von Robert Harris gelungen. Im Interview spricht der Oscar-Gewinner („Im Westen nichts Neues“) über die Schwächen der Demokratie und den Sinn von Zweifeln.
Herr Berger, warum haben Sie mit der Figur von Kardinal Lawrence einen Zweifler ins Zentrum der Geschichte gestellt?
Diese Figur des Zweiflers war für mich der wichtigste Grund, den Film zu machen. Durch Zweifel lerne ich, trete mit anderen in Diskussion, es entsteht ein Austausch. Ich bin von Zweifeln getrieben, hinterfrage alle meine Entscheidungen, um dann möglichst zu dem richtigen Schluss zu kommen. So führe ich auch Regie. Ich habe mich früher für meine Zweifel geschämt, weil Zweifel mit Schwäche assoziiert und als unmännliches Attribut kategorisiert werden. Aber wenn man seine Zweifel akzeptiert und mit anderen teilt, ist das ungemein befreiend. Diesen Prozess entlang der Figur des Kardinal Lawrence aufzuzeigen hat mir große Freude bereitet.
Wie viel Kritik an der Katholischen Kirche steckt in Ihrem Film?
Dieser Film sollte keine Demontage der Katholischen Kirche sein. Das ist die Aufgabe von Filmen wie „Spotlight“, die den Kindesmissbrauch in der Katholischen Kirche aufdecken und genau recherchieren. Dafür ist unser Film zu universell. Ich sehe „Konklave“ nicht als reinen Kirchenfilm. Er spielt zwar im Vatikan, aber die Story könnte auch in Washington D.C. angesiedelt sein. Ich sehe den Film eher in der Tradition von Politthrillern wie Alan J. Pakulas „All the Presidents Men“, der für mich mit seiner ungeheuren, filmischen Präzision ein großes Vorbild ist. Aber auch wenn die Kirchenkritik nicht im Vordergrund steht, kann ich einen solchen Film nicht machen, ohne die sexuellen Skandale oder die Korruption innerhalb der Katholischen Kirche wenigstens zu erwähnen. Eigentlich geht es in diesem Film jedoch um grundsätzliche Themen wie Liberalismus versus Populismus, wie man sie auch in anderen politischen Auseinandersetzungen wiederfindet.
Inwieweit ist „Konklave“ auch eine Analogie auf die Strukturen demokratischer Systeme, die zunehmend in die Krise geraten?
Da ist ein Stuhl der Macht – und der ist leer. Wenn so ein Machtvakuum entsteht, ziehen die verschiedenen Parteien ihre Messer. Das war im alten Rom schon so und ist heute etwa in Amerika und Deutschland nicht anders. Im Kampf der Politik geht es zunehmend darum, die Macht zu erhalten. Ich denke, dass es genau deshalb viel zu viel Scheu vor notwendigen Reformen gibt – die regierende Partei hat Sorge um ihre Wiederwahl. Die Menschen stehen Veränderungen oft skeptisch gegenüber, aber wenn wir nicht reformieren, werden wir uns als Gesellschaft nicht weiterentwickeln. Das Wieder-gewählt-werden-Wollen ist ein großes Problem demokratischer Systeme, weil es unbequeme Veränderungen verhindert. Steuern oder Benzinpreise erhöhen – schwierig. Schulreform – schwierig. Dabei fehlt es auch an Diskussionskultur. Wir wollen nichts mehr voneinander lernen. Es gibt vornehmlich Fundamentalisten, die einander feindlich gegenüberstehen.
Ihr Film wartet mit einer provokanten Schlusswendung auf. Wie wird der Vatikan darauf reagieren?
Ich glaube, dass die wahren Würdenträger der Kirche intelligent genug sind, um zu sagen: Es ist nur ein Film.
Im Gegensatz zu Ihrer Verfilmung von „Im Westen nichts Neues“ bleiben Sie bei der Adaption von „Konklave“ viel näher an der literarischen Vorlage. Ruft ein zeitgenössischer Roman nach mehr Werktreue?
Für mich ist immer wichtig: Ein Buch ist ein Buch, und ein Film ist die Interpretation eines Regisseurs. Er darf und soll auch etwas anderes sein. Dabei muss ich die Essenz des Stoffes herausarbeiten. Das war im Fall von „Im Westen nichts Neues“ der Prozess, in dem enthusiastische, junge Männer innerlich zu Tötungsmaschinen abstumpfen. Remarques Roman kann man auf unterschiedlichste Weise verfilmen. Ich habe den Fokus auf den für mich wichtigsten Aspekt gelegt und mich für unsere Variante entschieden. Generell ist es nicht mein Anliegen, einen Roman unbedingt wortgetreu zu verfilmen. Bei „Konklave“ hat es sich so ergeben, denn das Buch von Robert Harris ist sehr filmisch geschrieben.
Ihr Film beeindruckt durch eine außerordentliche Detailgenauigkeit, wenn es um Riten und Vorschriften in der Katholischen Kirche geht. Wie viel im Film beruht auf recherchierten Tatsachen und wie viel auf künstlerischer Freiheit?
Robert Harris ist ein sehr guter Rechercheur. Auf seine Vorarbeit konnten wir aufbauen. Als Berater stand uns in Rom der Religionslehrer Francesco Bonomo zur Seite, der sich sehr gut in der Materie auskennt. Er weiß genau, wie die Hände beim Gebet gefaltet werden und dass beispielsweise der rechte über dem linken Daumen liegt. Manche Gebete macht man mit aufrechten Händen. Bei anderen kniet man. Wir haben unzählige Details recherchiert, die Versiegelung des Zimmers nach dem Tod des Papstes, den Ablauf der einzelnen Wahlgänge und welche Dynamik dabei freigesetzt wird. Das sind dann die Pflöcke, die uns die Realität in den Boden gerammt hat. Aber dazwischen gibt es viel Gestaltungsraum, in dem wir uns kreative Freiheiten genommen haben. Wir wollen das Gefühl einer realistischen Welt hervorrufen, aber wir machen einen Spielfilm, in dem die Realität immer nur hergestellt sein kann.
„Konklave“ zeigt den Vatikan auch als zurückgebliebenes, patriarchales Machtsystem. Was würde sich verändern, wenn Frauen in der Katholischen Kirche mehr zu sagen hätten?
Ich denke, dabei käme eine offenere, umsichtigere und progressive Politik heraus, in der Raum für Diskussion bliebe. Und auch Zweifel.