Konrad Adenauer Ein Schlitzohr, im Zweifel auch rücksichtslos

Konrad Adenauer lebte von 1876 bis 1967. Foto: KNA

Am 5. Januar 2026 ist der 150. Geburtstag von Konrad Adenauer. Was er heute noch bedeutet? Das schildern drei Menschen, die auf ganz unterschiedliche Weise zu Adenauer-Experten wurden.

Politik/Baden-Württemberg: Rainer Pörtner (pö)

Jürgen Nimptsch streicht seine wallenden, angegrauten Haare mit beiden Händen nach hinten. „Zum Glück habe ich große Geheimratsecken“, sagt der 71-Jährige lächelnd. Aber es ist klar, dass Friseur und Maskenbildner noch ran müssen an seinen Kopf. „Hinten muss kräftig ausrasiert werden, dann braucht es ordentlich Gel und Schminke, damit ich halbwegs aussehe wie der Alte.“

 

Es ist ein trüber, kalter Sonntagmorgen in Köln-Hürth kurz vor Weihnachten. Drei Stunden lang hat Nimptsch gerade auf einer Probebühne der städtischen Oper erkundet, wie es ist, Konrad Adenauer zu sein. Oder genauer: wie ein 150 Jahre alter Adenauer.

Foto: Rainer Pörtner

Nimptsch spielt den uralten Adenauer in dem kölschen Musical: „E Levve för Kölle“ – auf hochdeutsch: „Ein Leben für Köln“. Ab Mitte Januar wird die Bühnenspielgemeinschaft Cäcilia Wolkenburg im Kölner Männer-Gesang-Verein ihr Stück 30 mal vor Publikum aufführen. Freie Zuschauerplätze gibt es nicht mehr, alle Karten waren binnen fünf Stunden vergriffen.

Die Musicals der Cäcilia Wolkenburg sind Kult in Köln

Die Musicals der Cäcilia Wolkenburg, ein wilder Mix aus Sprechtheater, Gesang und Tanz, sind Kult in Köln. 111 Ensemblemitglieder spielen diesmal mit. Wie immer sind nur Herren auf der Bühne, auch die Frauenrollen sind mit Männern besetzt. Die Sprache ist Kölsch.

Jedes Jahr zur Karnevalszeit kommt ein neues „Divertissementchen“ raus, so heißen die Stücke hier. Diesmal ist das zweieinhalbstündige Spektakel dem wohl größten Kölner Bürger gewidmet: Konrad Adenauer, der am 5. Januar 1876 hier geboren wurde und von 1917 bis 1933 Oberbürgermeister der Stadt am Rhein war.

„Der Mann verdient es, dass wir ihm dieses Stück widmen“, sagt Nimptsch. „Adenauer hat dafür gesorgt, dass die Kölner am Ende des Ersten Weltkriegs nicht verhungert sind. Damals hat er zum Beispiel 1000 Kühe kaufen und in die Festhalle stellen lassen, damit die Babys genug Milch hatten.“ In seiner Zeit als Oberbürgermeister seien die Messe und der Flughafen gebaut, zwei Rheinbrücken errichtet, die Universität zurück in die Stadt geholt, der große Grüngürtel geschaffen und das Ford-Werk angesiedelt worden. „Das Alles ist heute noch da, er hat Köln zu einer Metropole gemacht.“

Rheinischer Singsang, lakonischer Humor, langsame Bewegungen

Nimptsch war selbst sechs Jahre Oberbürgermeister, in der Nachbarstadt Bonn. Als Neunjähriger stand er im Juni 1963 mit vielen hundert anderen Menschen Fähnchen schwingend an der Autobahn Köln-Bonn, auf der Adenauer – zu der Zeit Bundeskanzler – im offenen Wagen mit dem amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy fuhr. Ein Erlebnis, das Nimptsch geprägt hat. Danach wollte er auch Präsident werden – oder eben Oberbürgermeister.

Für das Stück „E Levve för Kölle“ schrieb Nimptsch die Sprechtexte. Die Rolle des 150 Jahre alten Adenauer, der im Himmel Geburtstagswünsche entgegennimmt und über sein Leben sinniert, ist ihm auf den Leib geschneidert. Selbst mit wallendem Haar, gekleidet mit einem taubenblauen Anzug und weißen Sportschuhen, ist in Jürgen Nimptsch schon an diesem Proben-Sonntag „der Alte“ leicht zu erkennen: der rheinische Singsang, der lakonische Humor, die langsamen Bewegungen.

„Bei Adenauer geht das zwar bedächtig zu“, erklärt Nimptsch, „aber es ist immer sehr eindringlich, sehr wirkungsvoll.“ Adenauer sei heute in Köln „fast ein Pop-Star“. Zu seinem runden Geburtstag erinnerten sich viele, „was er alles für seine Heimatstadt gemacht hat in schwierigster Zeit“.

„Wir brauchen jemanden wie Adenauer, aber wir haben nur Merz“

Am Vorabend des 5. Januar wird im Kölner Dom eine Abendmesse zu Ehren Adenauers abgehalten. Am Tag des 150. Geburtstags veranstaltet die Konrad-Adenauer-Stiftung eine große Feierstunde im Bonner „World Conference Center“. Die Bundesregierung gibt eine 2-Euro-Gedenkmünze heraus. Eine Wanderausstellung ist für 2026 schon weitgehend ausgebucht. Und pünktlich zum Jubiläum sind drei neue Adenauer-Biografien auf dem Buchmarkt erschienen.

So viel Adenauer-Erinnerung wie jetzt war lange nicht. Aber was hat uns der erste Kanzler der Bundesrepublik heute noch zu sagen? Was ist sein Vermächtnis? Hat der frühere Außenminister Joschka Fischer (Grüne) vielleicht Recht, wenn er angesichts der aktuellen Lage den durchaus böse gemeinten Satz sagt: „Wir brauchen jemanden wie Adenauer, aber wir haben nur Friedrich Merz – und der ist kein Adenauer.“

„Zunehmend autoritäre Züge“

München in der Adventszeit: In der Bayrischen Staatsbibliothek stellt der Bonner Historiker Friedrich Kießling vor rund 90 Zuhörern sein gerade veröffentlichtes Adenauer-Buch vor. Der Titel dieser Biografie, „Adenauer: Dreieinhalb Leben“, nimmt die Phasen von Adenauers politischem Wirken auf: im Kaiserreich, in der Weimarer Republik und in der Bundesrepublik Deutschland. Das „halbe Leben“ beschreibt die Zeit des Nationalsozialismus, in der Adenauer von den Nazis zur politischen Untätigkeit gezwungen war. Das heutige Bild Adenauers, so Kießlings Beobachtung, sei „sehr stark geprägt von der Spätphase seines Lebens“, von der Zeit im Bonner Kanzleramt, in das Adenauer 1949 einzog, als er bereits 73 war, und das er 1963 nur widerwillig mit 87 Jahren verließ.

Friedrich Kießling ist Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Bonn. Foto: Kießling/ Leon Greiner

Zu diesem Zeitpunkt hatte Adenauer bereits entscheidende Weichen für die Bundesrepublik gestellt: die Westbindung der jungen Demokratie, das Wirtschaftswunder der Nachkriegszeit, der Ausbau des Sozialstaats, die Aussöhnung mit Israel und Frankreich, den Weg hin zu einer europäischen Staatengemeinschaft. Aber er sei damals „eben auch schon ein sehr alter Mann gewesen, ein Demokrat ganz sicher, aber mit zunehmend autoritären Zügen“.

„Ein extrem dynamischer Mann“

Bei den Recherchen für seine Biografie ist der 55-jährige Kießling „auf einen anderen Adenauer gestoßen“, den es zu entdecken lohne: „Da sehen wir einen extrem dynamischen Mann, der von der Kaiserzeit über Weimar bis hin in die Bundesrepublik mutig und oft gegen große Widerstände Politik gemacht hat“.

Der CDU-Wahlslogan „Keine Experimente“ zur Bundestagswahl 1957 sei bis heute vielen Deutschen gegenwärtig und präge das Adenauer-Bild mit, aber eigentlich sei der „bis zum Schluss ein Mann geblieben, der politische Ziele hartnäckig verfolgt und dabei hohe Risiken in Kauf genommen hat, auch mit Blick auf mögliche kommende Wahlen“. Deshalb könne es sich auch für den heutigen Kanzler Friedrich Merz durchaus lohnen, sich einmal anzuschauen, „wie Adenauer große Entscheidungen vorbereitet und durchgezogen hat“.

Ein umgebauter Reisebus mit dem Namen „Adenauer SRP+“

In seinem Buch arbeitet Kießling aber auch die dunklen Seiten in Adenauers Wirken heraus. Der Kölner Politiker sei nicht nur ein Schlitzohr und gewiefter Strippenzieher gewesen, sondern im Zweifel auch „skrupellos bei der Wahl seiner politischen Mittel“. Als Bundeskanzler bediente er sich vieler Männer, die im Nazireich Schuld auf sich geladen hatten, er setzte den Bundesnachrichtendienst gegen Journalisten und politische Rivalen ein. „Er ist da machtpolitisch brutal“, urteilt der Historiker. Eine kritische, pluralistische Öffentlichkeit konnte Adenauer nur schwer ertragen.

Für „etwas schräg“ hält der Bonner Professor deshalb auch eine Aktion des „Zentrums für politische Schönheit“. Die Künstlergruppe lässt seit einigen Monaten einen umgebauten Reisebus unter dem Namen „Adenauer SRP+“ durch die Republik rollen – ausgerüstet mit einer phonstarken Lautsprecheranlage. Der Name „Adenauer SRP+“ soll an das Verbot der rechtsextremistischen „Sozialistischen Reichspartei“ im Jahr 1952 erinnern. Die SRP war die erste politische Partei, die vom Bundesverfassungsgericht verboten wurde. Geht es nach den Aktivisten, müsste heute die AfD verboten werden.

Mit dröhnender Musik und dem mehrstimmigen Chorgesang „Scheiß AfD“ störte der Bus unter anderem das Sommerinterview der ARD mit der AfD-Vorsitzenden Alice Weidel, das auf der Außentreppe eines Berliner Bundestagsgebäudes stattfand. Auch bei den Protesten gegen die Neugründung eines AfD-Jugendverbands in Gießen tauchte der „Adenauer SRP+“ auf. „Solche Protestformen“, sagt der Historiker Kießling, „hätte Adenauer wohl vor allem befremdlich gefunden.“

„Do jitt et nix zo kriesche“

Rhöndorf, ein später Samstagnachmittag im Dezember: Horst Voßmann hat eine Besuchergruppe durch das frühere Wohnhaus der Familie Adenauer geführt. Das macht der ehemalige Berufssoldat seit 13 Jahren. Rund 35 000 Besucher kommen jährlich. Während seiner Zeit bei der Bundeswehr hatte Voßmann an einer Fernuniversität Geschichte studiert, das führte ihn schließlich nach Rhöndorf.

Horst Voßmann ist Besucherführer im Rhöndorfer Konrad-Adenauer-Haus. Foto: Rainer Pörtner

Der Stolz, jetzt hier stehen zu dürfen, schwingt in jedem seiner Sätze mit. „Adenauer hat mich als Politiker und Mensch interessiert“, sagt Voßmann. Der Altkanzler stehe dafür, dass zumindest die Westdeutschen nach Nazizeit und Krieg „frei leben“ konnten. „Davon zehren wir heute noch.“

Zu Weihnachten 1937 bezog Adenauer das Rhöndorfer Haus südöstlich von Bonn. Nachdem ihn die Nazis aus Köln verbannt hatten, baute er für sich und seine Familie dieses Haus hoch am Hang mit Blick auf den Rhein. Dort lebte er bis zu seinem Tod. Als sich Adenauers Kinder von ihrem Vater am Totenbett verabschiedeten, sagte der Alte trocken: „Do jitt et nix zo kriesche“ – „Da gibt es nichts zu weinen.“

Es waren seine letzten Worte. Heute können die Besucher von einer Terrasse aus durch ein Fenster auf das Bett schauen, in dem der Alt-Kanzler im April 1967 einschlief. Hier endete, sagt Voßmann, „ein Jahrhundertleben“.

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