In der Tat entstanden in den vergangenen neun Monaten viele Kapitel mit starker Aussagekraft. Der Gewinn des Supercups. Der Einzug ins Viertelfinale der Champions League. Der Triumph im Pokal. Die Titelverteidigung in der Meisterschaft durch ein 3:1 im finalen fünften Duell am Sonntagabend beim SSC Schwerin. Nach dem Matchball, als sich seine Spielerinnen in den Armen lagen, schaute Konstantin Bitter auf die Szenerie und sah dabei aus, als überfordere ihn diese Explosion der Emotionen komplett. „Mir war klar, dass wir etwas Außergewöhnliches geschafft haben, aber das ist bei mir einfach nicht angekommen“, sagte er später, „ich war leer. Positiv leer.“ Worüber sich niemand wundern durfte.
Trauer um einen Freund
Konstantin Bitter ist 34 Jahre alt und erstmals Chefcoach bei einem Top-Bundesligisten. Als er sich vor einem Jahr entschied, aus Erfurt nach Stuttgart zu wechseln, war er bereit, vorübergehend ins zweite Glied zu rücken, als Co-Trainer von Tore Aleksandersen. Es kam anders.
Der schwer an Krebs erkrankte Norweger hatte keine Kraft mehr für die anspruchsvolle Aufgabe, Konstantin Bitter übernahm im Sommer, stand voll in der Verantwortung und erlebte zusammen mit seinem Team die härteste Zeit, als Aleksandersen Anfang Dezember den Kampf gegen die Krankheit verlor. „Auch Konstantin Bitter hat um einen Freund getrauert“, sagte Kim Renkema, „doch letztlich haben wir alle einen Weg gefunden, mit dieser unfassbar schwierigen Situation umzugehen – irgendwie.“
Auch und vor allem in dieser Phase, die emotionaler nicht hätte sein können, zeigte sich, dass der Coach nicht nur über fachliche Qualitäten verfügt. „Er weiß viele Dinge über den Volleyballsport“, sagte Kapitänin Maria Segura Pallerés, „ihn zeichnen aber auch große psychologische Fähigkeiten aus. Er hat genau gespürt, was jede Einzelne von uns braucht. Dass er unser Team in dieser denkwürdigen Saison zum Triple geführt hat, sagt alles aus.“ Ähnlich äußerte sich Kim Renkema. „Großes Kompliment an unseren jungen Trainer“, meinte die Sportdirektorin, „auch wenn es nicht besonders klug zu sein scheint, schon als 34-jähriger Coach alle drei möglichen Titel zu gewinnen.“ Das Gute daran: Konstantin Bitter, der erste Tripletrainer im deutschen Volleyball der Frauen, ist kein Mensch, der zu leichtfertigen Höhenflügen neigt.
Bitter freut sich auf die Zeit mit der Familie
Als er sich nach der Übergabe der Meisterschale wieder gefangen hatte, sprach der Coach zwar von einem „unfassbaren Erfolg“, den er Tore Aleksandersen widmen wolle, es fielen aber auch immer wieder die Worte „Demut“, „Arbeit“, „Entwicklung“ und „Herausforderung“. Konstantin Bitter wirkte in Schwerin wie ein Trainer, dem völlig klar ist, dass er auch künftig nichts geschenkt bekommt. „Solange man brennt für das, was man tut, ist das kein Problem“, sagte er – und war trotzdem dankbar, dass nun ein paar ruhigere Wochen im Kreise der Familie folgen werden: „Mein Sohn kommt in die Kita, meine Frau braucht jetzt auch mal Unterstützung. Nach dem intensivsten Jahr, das ich im Volleyball erlebt habe, freue ich mich auf diese Zeit.“
Es kann auch nicht schaden, nun möglichst schnell möglichst viel Kraft zu tanken. Schließlich wird es in der nächsten Vorbereitung ab August darum gehen, ein völlig neues Team zu formen. Aus dem Meisterkader sind nur Krystal Rivers, Roosa Koskelo und Jolien Knollema übrig geblieben, doch die MTV-Verantwortlichen haben keinerlei Sorgen, dass Konstantin Bitter an dieser Aufgabe scheitern könnte. „Er ist ein enorm akribischer, harter Arbeiter“, sagte Kim Renkema. Und Aurel Irion erklärte: „Konstantin Bitter hat in der Zeit bei uns sehr viele gute Entscheidungen getroffen. Jetzt muss er nur noch lernen, dass er nicht immer alles bis ins letzte Detail selbst machen muss.“
Ein Anfang könnte ja beispielsweise sein, bei der nächsten Titelfeier die Getränkebestellung in andere Hände zu legen.