Konstanzer Schunkelkomponist Narren verbannen die Lieder des Nazidichters

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Erst wollte man mit der Bevölkerung diskutierten. Jetzt trennt sich die Konstanzer Narrengesellschaft Niederburg aber doch mit einer bemerkenswerten Stellungnahme von ihrer bekanntesten Hymne. Gibt es nun noch weiteren Entnazifizierungsbedarf für die schwäbisch-alemannische Fasnacht?

Vor dem Krieg NS-Propagandaredner, nach dem Krieg reich dekorierter Fasnachter: Willi Hermann Foto: NG Niederburg
Vor dem Krieg NS-Propagandaredner, nach dem Krieg reich dekorierter Fasnachter: Willi Hermann Foto: NG Niederburg

Konstanz - In den Ohren emanzipierter Frauen dürften diese Zeilen des Konstanzer Schunkelkomponisten Willi Hermann schon immer grauslich geklungen haben: „Mädle, wenn’d von Konschdanz bisch, warum­ kasch du it küsse“. Jetzt wollen auch die Konstanzer Narren dieses und alle anderen Stücke aus Hermanns Feder zumindest vorerst nicht mehr singen. Man sei übereingekommen, die Lieder zur diesjährigen Fasnachtseröffnung am 11. 11. nicht aufzuführen, erklärte der Präsident der Narrengesellschaft Niederburg, Mario Böhler.

Ursprünglich sollte diese Entscheidung nach einer zusammen mit der örtlichen Zeitung „Südkurier“ geplanten Podiumsdiskussion fallen. Sie müsse aber verschoben werden, weil die Recherchen des Stadtarchivars Jürgen Klöckler zu Hermanns Leben noch nicht abgeschlossen sind. Es tauchten immer noch neue Akten­ auf, die das Bild weiter vervollständigten, sagte Klöckler.

Auch die Hymne „Ja wenn der ganze Bodesee­ ein einzig Weinfass wär“, die jährlich die vom SWR-Fernsehen übertragene Konzilsfasnacht beschließt, ist von der Entscheidung betroffen. Die Narrengesellschaft wolle „nicht den Hauch eines Verdachts aufkommen lassen, dass wir einem NS-Propagandaredner eine große Bühne bereiten“, heißt es in einer Erklärung.

Auch eine Reaktion auf Chemnitz

Zuvor war Klöckler bei Recherchen zu Hermanns 111. Geburtstag auf Unterlagen gestoßen, die die Fasnachtsikone als eifrigen Mitarbeiter des NS-Reichsschulungsamtes ausweisen. In den Jahren vor Kriegsbeginn verfasste er hetzerische Schulungsunterlagen und tingelte mit Vorträgen, in denen er sich über die Gefahren des Judentums ausließ, über die Dörfer im südbadischen Raum. Im damaligen Naziblatt, der „Bodensee-Rundschau“, tauche sein Name­ in jeder zweiten Ausgabe auf, sagt Klöckler. 1943 soll Hermann als Mitglied eines Strafbataillons auf der griechischen Insel Kefalonia zudem in Kriegsverbrechen verwickelt gewesen sein.

Den Verzicht auf die beliebten Fasnachtsschlager verstehen die Niederbürgler auch als klare Absage an aktuelles extremistisches Gedankengut. „Wer sich die Berichterstattung aus Chemnitz und Sachsen vor Augen führt, der muss erkennen, dass die ‚Vergangenheit‘ eben nicht ruht“, heißt es in Böhlers Erklärung. Die Zahl geistiger Brandstifter nehme zu – und was noch schlimmer sei, auch die Zahl derjenigen, „die diesen irrlichternden Typen zuhören“.

Sind die heutigen Umzüge eine NS-Idee?

Derweil deuten Klöcklers Forschungen darauf hin, dass Willi Hermann schon vor dem Krieg in seiner Geburtsstadt Stockach maßgeblich in der dortigen Fasnacht aktiv gewesen war. Zusammen mit seinem Vater, bis 1938 NS-Bürgermeister in Stockach, habe er darauf hingewirkt, dass alles Karnevaleske zugunsten der alemannischen Volksfasnacht zurückgedrängt wurde. Auch dies sei im Sinne des NS-Regimes geschehen­, das darin eine Rückbesinnung auf das Germanentum sah und die Möglichkeit erkannte, dabei den gesamten „Volkskörper“ einzubinden.

Wegen des Kriegs habe sich dies erst in den 50er und 60er Jahren voll ausgewirkt. „Das Erscheinungsbild der heutigen Fasnachtsumzüge im schwäbisch-alemannischen Raum ist eine Folge dieser NS-Politik“, sagte Klöckler. Auch dies müssten die Narrengesellschaften, die sich lieber auf Traditionen beriefen, die bis ins Mittelalter reichten, aufarbeiten, glaubt der Historiker. Nach einer gewissen Schamfrist war Hermann auch bei der Stockacher Fasnacht nach dem Krieg wieder dabei. Von 1961 bis zu seinem Tod im Jahr 1977 saß er im Grobgünstigen Narrengericht. An seinem Vorleben stieß sich offenbar niemand. Die Fasnacht spiegele, wie viele andere Institutionen, dabei wohl die damalige Gesellschaft, sagte der Narrenrichter Jürgen Koterzyna. „Auch uns beschäftigt der Fall.“ Sobald Klöcklers Forschungen abgeschlossen seien, wolle man eine Entscheidung treffen, sagte Koterzyna. Anders als in Konstanz beginnt in Stockach die Fasnacht in schwäbisch-alemannischer Tradition erst am 6. Januar. „Wir haben also noch Zeit.“

Kein Einfluss auf Konzeption des Narrengerichts

Seiner Heimatstadt hinterließ Hermann unter anderem ein „Stockach-Lied“. Allerdings habe es nicht den gleichen Hymnencharakter wie die Konstanzer Lieder. An der Konzeption der Gerichtsverhandlung, wie sie im Jahr 1960 erstmals abgehalten wurde, sei Hermann nicht beteiligt gewesen, heißt es in einer Stellungnahme des Narren­gerichts. Eine aus der Zeit des Dritten Reichs stammende dezidierte politische Haltung sei seinen Beiträgen damals nicht zu entnehmen.

Auch der Stockacher Stadtarchivar Johannes­ Waldschütz befasst sich mittlerweile mit Hermann. Auf aufschlussreiche Unterlagen ist er bisher allerdings nicht gestoßen. Obwohl die kleine Stadt kaum zerstört wurde, sei offenbar viel heikles Archivmaterial vernichtet worden, sagt Waldschütz. Selbst Ausgaben der damaligen NS-Zeitung seien nur noch vereinzelt vorhanden. Bei Akten, die das normale Verwaltungshandeln in jenen Jahren dokumentierten, gebe es erstaunlicherweise keine Verluste.