Konsum und Zwang Wenn Kaufsucht das Leben auf den Kopf stellt
Wenn Konsum von Waren aller Art zum Zwang wird, kann das Partnerschaften und ganze Familien zerstören. Warum das verhalten trotzdem nicht als Sucht anerkannt wird.
Wenn Konsum von Waren aller Art zum Zwang wird, kann das Partnerschaften und ganze Familien zerstören. Warum das verhalten trotzdem nicht als Sucht anerkannt wird.
Prozente hier, Abverkäufe dort, Neuerscheinung da. Wir leben in einer Konsumgesellschaft, in der uns durch eine Flut von Werbung regelrecht minütlich Anreize zum Kaufen neuer Produkte geboten werden. Während die meisten Menschen dem Konsumdrang widerstehen, wird das Kaufen bei anderen hingegen zur Sucht – mit gravierenden Auswirkungen.
Laut einer Veröffentlichung des „American Journal of Psychiatry“ sind rund sechs Prozent aller Frauen und 5,8 Prozent aller Männer von pathologischer Kauflust betroffen. Auf Deutschland umgerechnet bedeutet dies, dass bei etwa 2,5 Millionen Frauen und 2,3 Millionen Männern eine krankhafte Konsumstörung vorliegt.
Gerade in Krisenzeiten, wo Inflation und Co. die Geldbörsen ohnehin regelrecht ausquetschen, steigt der Leidensdruck und auch das Verschuldungsrisiko für jene Menschen umso mehr. Und obwohl es effektive Möglichkeiten der Therapie gibt und Kaufsucht auch alle Kriterien einer Sucht aufweist, wird sie offiziell nicht als solche anerkannt. Für Betroffene ist das ein Horror.
Kaufsucht ist eine nicht-stoffgebundene Form von Abhängigkeit. „Dem Kaufverhalten wird Vorrang vor anderen Aktivitäten und Verpflichtungen gegeben. Es entwickelt sich eine Toleranzerhöhung und es werden immer teurere und sinnlosere Dinge gekauft,“ erklärt Psychotherapeutin Cornelia Kost von der Therapiehilfe Hamburg.
Schließlich kommt das Kaufen bei Betroffenen auch zur Regulierung von Gefühlszuständen zum Einsatz. Es wird eingekauft, um eine positive Stimmungslage wie Freude zu generieren oder sich von einer negativen Stimmungslage wie Kummer zu entlasten. Dies bestätigt auch die Münchner Psychotherapeutin Carina Scherer. „Die Patienten haben oft, entweder schon immer oder aufgrund schwieriger Lebensumstände, keine alternativen Strategien erlernt, um mit schwierigen Gefühlen umgehen zu können oder sich auf andere Weise funktional zu belohnen, sich etwas Gutes zu tun oder abschalten zu können.“
Bei Steffen S., der von Kaufsucht betroffen ist, war dies ähnlich. „Bloß der Gedanke allein, etwas zu kaufen, hat bereits freudige Erregung verursacht. Egal, was es war“, sagt der 50-Jährige. Lange habe er gar nicht erkannt, dass es eine Krankheit sei. „Ich habe es als Begleiterscheinung meiner Depression gesehen. In den letzten zwei Jahren wurde mir aber klar, dass das Kaufsuchtverhalten die Depression gefördert hat, und nicht umgekehrt.“
Kaufsucht ist oftmals eine geheime und schambehaftete Sucht, über die nur wenig bis gar nicht gesprochen wird. Demnach führt sie betroffene Menschen sehr oft in Isolierung und Vereinsamung. „Die Ablehnung führt dazu, dass Familie oder Freunde die Betroffenen fallen lassen,“ sagt Cornelia Kost. Scheidungen und Trennungen von den Kindern seien demnach häufig die Folge.
„Die Ablehnung führt zu Entehrung, Selbsthass, Kündigungen und immer wieder zu Suizid“, so Kost. Aber auch ein Abrutschen in die Kriminalität oder gar Gefängnisaufenthalte seien häufig die Realität, da Betroffene aus finanziellen Schwierigkeiten heraus zu Diebstahl oder Betrug übergingen. „Betroffene beginnen über ihre Verhältnisse zu leben und können Rechnungen erst verspätet oder gar nicht mehr bezahlen. Die genannten Probleme können schließlich bis zur Insolvenz führen,“ sagt Psychotherapeutin Carina Scherer.
Auch im Leben von Steffen S. ging es kontinuierlich bergab. „Mit der Zeit habe ich immer mehr langfristige Verbindlichkeiten angeschafft, wie zum Beispiel Handyverträge. Ich habe Computer und Unterhaltungselektronik teuer gekauft und mit Verlust sofort wieder verkauft, weil ich eigentlich das Geld dafür gar nicht hatte. Dadurch bin ich tief in die Schuldenspirale gerutscht,“ erklärt der Münchner. Und um seine Sorgen loszuwerden, kaufte er zwanghaft weiter. „Ich hatte ein schlechtes Gewissen, was wiederum durch weitere Käufe kurz verschwand. Ich tat das Falsche, um kurzfristig meine Sorgen los zu sein. Das ist das Schlimmste. Und die Tatsache, dass ich nicht wusste, warum ich diesem Zwang erliege.“
Doch auch die Entscheidung, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen, ist ein schwieriges und teils aussichtsloses Unterfangen. Kaufsucht ist offiziell nicht als Krankheit anerkannt. Sie wird als Störung der Impulskontrolle eingeordnet.
„Obwohl sich alle sechs Diagnosekriterien zur Klassifikation von Sucht im pathologischen Kaufen wiederfinden, wird dieses nicht als Sucht beziehungsweise als Krankheit vom Hilfesystem anerkannt“, erzählt Kost. Ein Grund sei eine starke Lobby im Gesundheitssystem, die gegen die Klassifizierung von Verhaltenssüchten als Sucht sei, da sonst die Gefahr eines inflationären Gebrauches des Begriffs Sucht bestehe. Betroffenen ist damit nicht geholfen, sie würden oftmals nicht als Kranke, sondern als Kriminelle gesehen. „Deshalb ist die Hemmschwelle, professionelle Hilfen aufzusuchen, viel zu hoch“, erklärt sie.
„Betroffene haben meist nur die Möglichkeit, sich in Selbsthilfegruppen auszutauschen. Es gibt keine Behandlung, keine Therapie, die von der Kasse übernommen würde. Man wird häufig nur zur Schuldnerberatung geschickt. Aber die Ursachen des Verhaltens kann man ohne Arzt und Therapeuten nicht ergründen“, so Steffen S. Doch üblich anfallende Kosten von bis zu 150 Euro pro psychotherapeutischer Sitzung sind für Betroffene von Kaufsucht, die zudem häufig mit hohen Schulden zu kämpfen haben, schlicht unbezahlbar.
Und Krankenkassen wie etwa die AOK übernehmen Kosten meist nur dann, wenn eine behandlungsbedürftige psychische Störung vorliegt, die als Ursache der Kaufsucht herangezogen werden kann. Ein Umstand, der nicht sein müsste, da laut Psychotherapeutin Kost „Kaufsucht neben psychosozialer Prävention und Beratung einer suchttherapeutischen Behandlung bedarf.“