Konsumraum in Stuttgart 20 Jahre drogenabhängig – „Hier ist ein Platz zum Durchatmen“

, aktualisiert am 27.02.2026 - 14:52 Uhr
Konsumutensilien wie Spritzen bekommen die Suchterkrankten im „Kombo“. Foto: KI/Midjourney/Sebastian Ruckaberle

Seit fast einem Jahr gibt es den Konsumraum „Kombo“ im Stuttgarter Leonhardsviertel. Hier finden Suchterkrankte einen geschützten Raum und sterile Konsumutensilien. Ein Besuch.

Gesundheit für Menschen in Stuttgart: Carolin Klinger (klic)

Fast jeden Tag kommt Michael, der seinen echten Namen nicht nennen möchte, in den Konsumraum „Kombo“ in der Lazarettstraße im Stuttgarter Leonhardsviertel. Der 39-Jährige lebt auf der Straße und ist seit 20 Jahren drogenabhängig. Hauptsächlich konsumiert er momentan Opiate, wie zum Beispiel Morphin. Im Laufe der Jahre habe er aber so ziemlich alles an Drogen genommen, erzählt er. Unten im Caritas-Café „High Noon“ kann sich Michael aufwärmen. Er trifft dort oft Bekannte, mit denen er sich austauschen oder Backgammon spielen kann. Hier bekommt er einen Kaffee oder ein günstiges Essen verkauft. Wenn er kein Geld ausgeben möchte, bekommt er einen „Tee des Tages“ umsonst. „Ich kann hier den Tag überbrücken“, sagt er.

 

„Um den Konsumraum zu nutzen, müssen sich unsere Klienten und Klientinnen sich registrieren lassen. Wir dokumentieren das Geschlecht und die Substanz, die konsumiert wird und wie sie konsumiert wird.“

Elena Feller, Einrichtungsleiterin

Wenn der Suchtdruck zu groß wird, steigt er über eine steile Treppe ein Stockwerk höher. Dort befindet sich der Konsumraum. Leiterin Elena Feller steht hinter einer Theke und begrüßt ihn freundlich. Da er schon registriert ist, findet sie seinen Namen schnell im System und Michael holt das in Wachs gebundene Morphin aus seiner Tasche und zeigt es ihr.

„Um den Konsumraum zu nutzen, müssen unsere Klienten und Klientinnen sich registrieren lassen – wir brauchen also ein ausweisartiges Dokument. Wir dokumentieren das Geschlecht und die Substanz, die konsumiert wird und wie sie konsumiert wird“, erklärt die 32-Jährige. Dabei gehe es ihr nicht darum, die Konsumierenden zu kontrollieren – sondern bei einem medizinischen Notfall Bescheid zu wissen.

Einrichtungsleiterin Elena Feller im Gespräch mit Michael. Foto: LICHTGUT/Max Kovalenko

Vor dem Drogenkonsum werden die Hände gewaschen

Michael muss sie die Regeln nicht mehr erklären. Er kennt sie und befolgt sie bereitwillig, wie die meisten anderen auch. Dafür erhält er von ihr eine Nierenschale mit sterilen Konsumutensilien. Dann wäscht er seine Hände, sucht sich einen von drei eng beieinander stehenden Stühlen mit Tisch aus und beginnt mit den Vorbereitungen. Als er fertig ist, zieht er den Vorhang um seinen Platz herum zu. „Der Vorhang bietet etwas Privatsphäre. Denn bei vielen, die seit Jahren konsumieren, sind die Venen kaputt und sie müssen sich entkleiden, um noch eine passende Stelle zu finden“, erklärt Elena Feller sachlich.

Zugang nur mit Ausweis

Ein weiterer Mann erscheint, der die Regeln noch nicht kennt. Er reagiert skeptisch, als er seinen Namen nennen und einen Ausweis vorlegen soll. Nachdem Elena Feller ihm versichert hat, dass diese Daten nicht weitergegeben werden, ist er beruhigt. „Das Vertrauen muss erst aufgebaut werden“, sagt die Leiterin verständnisvoll. „Doch wir bekommen viel positives Feedback. Man sagt uns jeden Tag, wie nett wir sind.“ Für die Suchterkrankten sei diese unvoreingenommene Behandlung nicht selbstverständlich.

300 Konsumvorgänge pro Monat

Seit Mai vergangenen Jahres gibt es den Konsumraum in Stuttgart. Im vergangenen Monat zählte man hier rund 300 Konsumvorgänge. Sieben Tage die Woche ist das multidisziplinäre Team Anlaufstelle für die Suchterkrankten. Der Ort an der Lazarettstraße ist allerdings alles andere als optimal. „Die Räume in der Lazarettstraße entsprechen nicht vollumfänglich den baulichen Anforderungen des Landes Baden-Württemberg für den Betrieb eines Konsumraums“, gibt auch Stefan Michel vom Caritasverband zu Bedenken. Denn der Konsumraum ist nur durch die Treppe erreichbar – also nicht barrierefrei.

Hier können die Suchterkrankten Substanzen konsumieren. Foto: LICHTGUT/Max Kovalenko

Konsumraum mit Duschen und Kleiderkammer

Vier Plätze für den Konsum stehen zur Verfügung, einer davon ist die sogenannte Smokebox, in der die Rauschmittel inhaliert werden. Es gibt zwar Duschen und eine Kleiderkammer, doch es fehlt den Mitarbeitenden ein Besprechungsraum – zumal demnächst noch eine Substitution für Menschen auch ohne Krankenversicherung in die beengten Räume einziehen soll.

Von Anfang an war der Ort in der Lazarettstraße deshalb nur als Interimslösung gedacht. „Kombo“ sollte 2028 in die Ossietzkystraße 6 in der Nähe des Hauptbahnhofs umziehen. Doch der Gemeinderat entschied im Zuge der Haushaltsberatungen, die Sanierung und damit die Eröffnung um ein Jahr hinauszuzögern.

„Das hat Folgen. Zum Beispiel können wir kaum tagesstrukturierende Angebote in der Lazarettstraße bieten, die die Betroffenen stabilisieren würden“, sagt Stefan Michel. Im neuen Standort ist eine Werkstatt geplant, für die aktuell der Platz fehlt.


Suchtkranke sind froh über Anlaufstelle

Doch die Suchterkrankten sind froh, dass sie überhaupt eine geschützte Anlaufstelle haben. „Auf der Straße ist immer Stress. Es ist schmutzig, man hat Angst, gesehen zu werden und bei der Kälte ziehen sich die Adern zusammen. Hier ist ein Platz zum Durchatmen. Ich muss mir auch keine Sorgen machen, dass die Polizei kommt“, beschreibt Michael die Bedeutung des Ortes für ihn. Und es sei gut, jemanden um sich zu haben, falls etwas passieren sollte.

Notfälle und Psychosen im Konsumraum in Stuttgart

Die Mitarbeitenden im „Kombo“ sind medizinisch geschult und für Notfälle ausgerüstet. Bereits fünf Einsätze habe es gegeben, sagt die Leiterin, bei denen die Mitarbeitenden sich um Klienten medizinisch kümmern mussten, bis der Krankenwagen kam: „In einem Fall gehe ich davon aus, dass die Person heute nicht mehr leben würde, wenn das auf der Straße passiert wäre.“

Doch auch an den weniger dramatischen Tagen leisten Elena Feller und ihr Team jeden Tag Hilfe, indem sie einfach da sind und zuhören. Wer sich offen dafür zeigt, den beraten sie gerne. Dass es auch mal zu unschönen Erlebnissen kommen kann, bestreitet Elena Feller nicht: „Durch den Konsum können Psychosen ausgelöst werden. Das macht manche unberechenbar“, sagt sie. In für die Mitarbeitenden gefährlichen Situationen gibt es einen Sicherheitsdienst, der die Person nach draußen bringt. „Die meisten wollen aber keine Konflikte mit uns. Wir sind ja eine positive Instanz“, sagt Elena Feller.

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