Kontroverse Diskussion in Göppingen Warum das Fahrverbot für die Hauptstraße scharf kritisiert wird

Das Thema Pilotversuch „Fußgängerfreundliche Innenstadt“ elektrisiert die Menschen:  Foyer und  großer Sitzungssaal des Rathauses  waren am Montagabend mit 150 Besuchern gefüllt. Foto: Staufenpress

Die öffentliche Aussprache zum umstrittenen Fahrverbot auf der Göppinger Hauptstraße mobilisierte vor allem Kritiker in großer Zahl. Auch Befürworter kamen zu Wort, waren aber klar in der Minderheit.

Es war die Chance zum Luftablassen über den dreimonatigen Pilotversuch „Fußgängerfreundliche Innenstadt“ und erwies sich als Publikumsmagnet. Der Göppinger Oberbürgermeister Alex Maier hatte eigens seinen Urlaub unterbrochen. Zusammen mit der Baubürgermeisterin Eva Noller und Amtsleitern aus der Verwaltung saß er am Montagabend etwa 150 Göppingern gegenüber. Mitten in der Urlaubszeit füllten sich oberes Foyer und Sitzungssaal im Rathaus in Windeseile. Der außerplanmäßige Meinungsaustausch zum Verkehr in der Göppinger Innenstadt hatte die Menschen auf die Beine gebracht.

 

Um es vorwegzunehmen: Es gab ein sehr breites Meinungsspektrum. Doch insgesamt hatte die Verwaltungsspitze einen schweren Stand. Die Kritiker waren eindeutig in der Überzahl. Sie lasteten der Verwaltung ein Kommunikationsdebakel an. Und auch wenn es von der Verwaltung niemand aussprach und der Gemeinderat das letzte Wort hat: Es deutete sich an, dass nach dem Ende des Pilotversuchs in drei Wochen auch die Sperrung der Göppinger Hauptstraße an Abenden und Wochenenden gestoppt werden könnte. Offen und umstritten scheint aber zu sein, wie es mit den 15 gestrichenen Kurzzeitparkplätzen weitergehen wird.

Aussprache in weitgehend sachlicher Atmosphäre

Das Fazit der Baubürgermeisterin Eva Noller am Dienstag: „Der Abend hat gezeigt, wie weit die Empfindungen auseinanderliegen.“ Auch die Befürworter einer nächtlichen Verkehrsberuhigung hätten mit Leidenschaft ihre Meinung vertreten, so Noller – auch wenn sie in der Minderheit waren.

Bis auf wenige Momente, in denen es laut und giftig wurde, verlief die offene Aussprache in sachlicher Atmosphäre. OB und Baubürgermeisterin hörten sich die Argumente, die sich teils wiederholten, geduldig an und äußerten auch viel Verständnis für die Lage der Betroffenen. Nur an einem Punkt widersprachen Maier und Noller vehement. Nämlich immer dann, wenn die Behauptung aufgestellt wurde, die Einzelhändler seien übergangen, ignoriert oder erst gar nicht gefragt worden. Da reagierte Maier empfindlich und verwies auf den monatelangen Austausch mit der Interessenvertretung Göppinger City, auf die Arbeit in der Projektgruppe und mehrere Termine vor der Entscheidung des Gemeinderats, zu denen auch Händler und Gastronomen geladen, aber im Gegensatz zum montäglichen Krisentreffen nur in spärlicher Zahl gekommen waren.

Nach Beginn des Pilotversuchs am 18. Juni hatten die Einzelhändler und Gastronomen in der Hauptstraße, aber auch abseits davon, in den vergangenen Wochen von großen Umsatzeinbußen und deutlich reduzierter Passantenfrequenz berichtet. „Ich habe die Innenstadt noch nie so leer erlebt“, meinte eine Händlerin. Diese Erfahrungen wiederholten sich mehrfach: Der Kundenschwund trat auf, obwohl die Hauptstraße tagsüber zu den Geschäftszeiten der Händler gar nicht gesperrt ist. Dennoch stellte sich als Quintessenz des Abends heraus: Die Kunden seien durch die uneinheitliche Regelung der City-Zufahrt über die Hauptachse völlig verunsichert: „Die Stadt gilt als geschlossen“, berichtete beispielsweise die Mitarbeiterin eines Bekleidungsgeschäftes in der Kirchstraße. „Die Kunden fühlen sich ausgesperrt.“

Nur etwa 14 Prozent der Kunden kommen zu Fuß in die Stadt

Bemängelt wurde deshalb die fehlende Wertschätzung der Verwaltung gegenüber den Geschäftsleuten, die ja schließlich für die Innenstadt entscheidend seien. Auch die Beiträge der Innenstadtkunden, die sich zu Wort meldeten, zeugten von dieser Verunsicherung. Zunächst hatten Noller und Maier noch einmal den langen Weg zum Pilotversuch beschrieben. Dann hatten die Besucher die Möglichkeit, ihre Meinungen und Anliegen auf Zettel zu schreiben und an eine Wand zu pinnen. Einzelhändler, Bewohner und Betroffene machten regen Gebrauch davon, Gastronomen kaum.

Die Meinungen sollen nun nach Abschluss des Pilotversuchs ausgewertet werden und in die weiteren Beratungen einfließen.

Oliver Sihler, der Geschäftsführer des Marketingvereins Göppinger City, stellte die Ergebnisse einer Befragung vor. 534 Rückmeldungen waren eingegangen. Die Ergebnisse zeigten, dass zwei Drittel der Kunden mit dem Auto in die Stadt kommen, nur etwa 14 Prozent zu Fuß und neun Prozent mit dem Bus. Sihler: „Viele wollen nicht auf das Auto verzichten.“ Er hat auch Informationsdefizite ausgemacht: Nur 43 Prozent der Befragten fühlten sich gut informiert, 32 Prozent schlecht und 25 gar nicht. Es herrsche eine große Verunsicherung. Die Kunden blieben trotz geöffneter Hauptstraße weg. Sihlers Forderung: „Wir brauchen eindeutige Regelungen.“ Es könne nicht angehen, dass über die Woche gesehen vier verschiedene Zufahrtsregeln in der Hauptstraße herrschten. „Die aktuelle Regelung wird von Kunden jedenfalls nicht akzeptiert.“ Man sollte Kunden nicht mit Verboten abschrecken, sondern willkommen heißen.

In der offenen Aussprache, für die eine gute Stunde Zeit war, kamen folgende kritische Anmerkungen (Auswahl):

– Befürchtungen der inhabergeführten Geschäfte wurden missachtet. Die Meinungen wurden nicht gehört. Existenzen sind gefährdet.

– Die Informationen und Beschilderungen sind eine Katastrophe.

– Der Versuch war so angelegt, dass er nur Unzufriedenheit produzieren konnte. Man hätte über einen verkehrsberuhigten Bereich mit Schrittgeschwindigkeit nachdenken müssen.

– E-Scooter und Radfahrer fahren kreuz und quer.

– Die Bepflanzung ist misslungen.

– Samstags ab 15 Uhr verlassen die Menschen fluchtartig die Stadt.

– Es wird schwer, den Imageschaden wiedergutzumachen.

– Der Pilotversuch war ein reines Verkehrskonzept, aber keine ganzheitliche Strategie. Die Stadt ist „im Blindflug losmarschiert“.

Die Befürworter der verkehrsberuhigten Hauptstraße listeten folgen Argumente auf (Auswahl):

– Endlich kann man sich entspannt in der Stadt aufhalten, vor allem mit Kindern. Es gibt mehr Sicherheit, weniger Abgase.

– Abschreckend sind nicht die nächtlichen Sperrungen, sondern die völlig uneinheitlichen Öffnungszeiten der Geschäfte.

– Radfahrer sind jetzt besser vor rücksichtslosen Autofahrern geschützt.

– In anderen Städten hat es seine Zeit gebraucht, bis sich Verkehrsberuhigung durchsetzte, aber dann kamen Akzeptanz und Erfolg.

Und wie geht es weiter?

Abschluss
Der Pilotversuch wird am 19. September beendet sein, sagte Baubürgermeisterin Eva Noller. Der vorherige Zustand werde auch bei der Verkehrsführung und Buslinienführung zunächst wieder hergestellt. Die Stadt schlägt aber vor, das Parkverbot in der Hauptstraße aus Gründen der Sicherheit und aus optischen Erwägungen beizubehalten, das gilt zunächst auch für die Bepflanzungen.

Auswertung
Dann beginnt die Auswertung der Kundenbefragung, der Meinungsbeiträge, des offenen Austauschs sowie eine weitere Befragung des IFH.

Folgerungen
Dann starten Beratungen in den Gremien über die Folgerungen.

Dialog
Der Dialog in der Stadt geht weiter. Es folgen weitere Projekte: ein Stadtentwicklungs- und Mobilitätskonzept, ein Hitzeaktionsplan und eine Haushaltsbefragung.

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