Verwahrloste Weinberge, verwilderte Streuobstwiesen, überforderte Eigentümer: Das Klimabündnis Weinstadt hat für das Problem eine Lösung: Die Zukunftsstiftung Remstal.
Von Brombeerhecken überwucherte Streuobstwiesen mit uralten, von Misteln befallenen Bäumen. Nicht mehr genutzte Weinberge, die ein Paradies für Pilzkrankheiten aller Art sind und die Ernte der Nachbargrundstücke gefährden. Das Problem ist nicht neu und wird weiter zunehmen, sagt Claus Hainbuch vom Vorstand des Klimabündnisses Weinstadt (Rems-Murr-Kreis): „Derzeit rechnet man damit, dass in 20 Jahren nur noch die Hälfte der Flächen bewirtschaftet wird.“
„Noch eine Krise“, würden Pessimisten sagen. Das Klimabündnis Weinstadt sieht darin hingegen die Chance, die (Kultur)Landschaft nachhaltig zu verändern – und zwar zum Besseren. Schließlich sind freie Flächen im dicht besiedelten Großraum Stuttgart ein echter Schatz. Seit gut einem Jahr tüfteln die Mitglieder des Handlungsfelds „Landwirtschaft und Naturschutz“ intensiv an einem Konzept für die Nachnutzung von Weinbergen und Wiesen, das ein Gewinn für alle Seiten sein soll. Voraussichtlich bis Ende des Jahres wird dazu die „Zukunftsstiftung Remstal“ gegründet, eine gemeinnützige Gesellschaft, die das Potenzial hat, eine grüne Revolution im Remstal zu starten.
„Das wird hohe Wellen schlagen“, sagt Johannes Schwegler aus Korb, der die Idee mitentwickelt hat, voller Überzeugung. Seine Mitstreiter vom Klimabündnis Weinstadt bezeichnet er als „eine Truppe, die eine Vision hat und die pragmatisch, nicht dogmatisch vorgeht“. Profitieren sollen Eigentümer, die mit der Pflege von Flächen überfordert sind, genauso wie die Kommunen, die letzten Endes für solche verwahrlosten Grundstücke zuständig sind. Das Konzept hilft auch Firmen, die durch Investitionen vor Ort nachhaltiger werden möchten und schafft neue Möglichkeiten für den Natur- und Artenschutz. „Zuerst hatten wir dabei nur Weinstadt im Blick, aber dann kam die Erkenntnis, dass wir das ganze Remstal einbeziehen müssen“, sagt Claus Hainbuch.
Zukunftsstiftung Remstal kauft und pachtet Flächen
Konkret heißt das, die Zukunftsstiftung Remstal kauft und pachtet langfristig Grundstücke von Menschen, die keine Verwendung mehr für ihren Weinberg oder ihre Streuobstwiese haben. Das Ziel seien 1000 Hektar, sagt Johannes Schwegler: „Wir schaffen im Remstal eine Allmende mit großen Flächen.“ Die Grundstücke bewirtschaftet die Zukunftsstiftung Remstal nicht selbst, sie kümmert sich aber darum, dass sie sinnvoll genutzt werden. So beauftragt sie beispielsweise Schäfer, bestimmte Bereiche zu beweiden oder bietet aktiven Wengertern Flächen zur Pacht oder zum Tausch an. Die Aktivisten gehen davon aus, dass das Projekt bundesweit Aufmerksamkeit erregen und das Remstal als regionale Marke stärken wird, was letztlich Weingütern, Gastronomie und Tourismus zugute kommt.
Viele Bioweingüter wollten ihre Weinberge gerne extensiv bewirtschaften – die Zukunftsstiftung Remstal sei eine Chance für sie, sagt der Biowinzer Manfred Sigglinger. In manchen Bereichen, so etwa in Kleinheppach, sei die Bewirtschaftung aufgrund der Steillage teils lebensgefährlich, ergänzt er. Dort wäre es sinnvoll, die Rebstöcke zu roden und den Weinberg anders zu nutzen: „Die Flächen kann man mit Blüheinsaaten begrünen, man kann aber auch Hecken pflanzen und Totholz oder Steinhaufen aufschichten, wie man das im Ökoweinbau schon lange macht.“ Diese Dienstleistungen sollen zum Beispiel Landwirte und Wengerter erbringen, die über das nötige Wissen und die Maschinen verfügten und so einen Zuverdienst hätten. An manchen Stellen seien auch Solaranlagen denkbar.
Brachflächen als Chancezur Biotopvernetzung
Die Brachflächen bieten die Chance zur Biotopvernetzung. „Aber dafür braucht es Geld und eine professionelle Struktur“, sagt Claus Hainbuch. Das sieht auch Johannes Schwegler so: „Wenn wir das richtig machen wollen, brauchen wir Experten für Recht, Verwaltung, Verträge und jemanden, der Fördergelder einwirbt.“ Bislang haben die Projektteilnehmer alles ehrenamtlich gewuppt. Auch die Gelder, welche die gemeinnützige Gesellschaft zum operativen Start Anfang März 2026 auf ihrem Konto haben sollte, müssen ehrenamtlich herangeschafft werden. Ab dem Zeitpunkt soll die Zukunftsstiftung Remstal in einer einjährigen Pilotphase mit ein bis zwei Hauptamtlichen loslegen, bevor sie ab 2027 richtig durchstartet.
„Wir brauchen Spenden und Zuwendungen von Unternehmen und Privatleuten“, sagt Johannes Schwegler, „wir vernetzen uns mit den Besten in Deutschland und Europa“. Der Betriebswirtschaftler hat viel Erfahrung in der Entwicklungshilfe, im Klimaschutz und im Spendensammeln. Er ist Geschäftsführer der Firma Treeo mit Sitz in Stuttgart, die Unternehmen dabei hilft, ihre Klimaziele zu erreichen, indem sie diese mit Wiederaufforstungsprojekten im globalen Süden verbindet. Immer wieder fragten ihn die Kunden auch nach Projekten in der näheren Umgebung, erzählt Schwegler – mit der Zukunftsstiftung Remstal steht bald eines zur Verfügung.
Das Klimabündnis Weinstadt informiert beim Weinstädter Streuobsttag am 19. Oktober von 11 bis 17 Uhr im Bürgerpark Grüne Mitte über das Projekt. Wer Fragen hat oder Flächen vergeben möchte, kann sich auch per E-Mail an info@zukunftsstiftung-remstal.de wenden.