Konzernumbau Bei Daimler lebt ein Schmähwort wieder auf

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Angesichts der Pläne für eine Holding mit 6000 Mitarbeitern erinnern Kapitalmarktexperten daran, dass Exchef Jürgen Schrempp die Konzernzentrale einst „Bullshit Castle“ genannt hat.

Der frühere Daimler-Chef Jürgen Schrempp war kein Freund  einer Holding– er schaffte  sie zwei Jahre nach seinem Amtsantritt ab. Foto: AP
Der frühere Daimler-Chef Jürgen Schrempp war kein Freund einer Holding– er schaffte sie zwei Jahre nach seinem Amtsantritt ab. Foto: AP

Stuttgart - Nur der Name ist anders. Zum zweiten Mal in seiner mehr als 130-jährigen Geschichte wird an der Spitze des Daimler-Konzerns eine Holding stehen. Zwischen 1989 und 1997 war es die Daimler-Benz AG, künftig wird es die Daimler AG sein, die sich als Management-Holding versteht und mit Vorstand und Zuarbeitern zuständig für die strategische Ausrichtung des Konzerns ist. Darunter stehen drei rechtlich selbständige Gesellschaften: Mercedes-Benz, Daimler Truck sowie die bereits bestehende Daimler Mobility, die jetzt noch Daimler Financial Services heißt. Die neuen Tochtergesellschaften sollen mehr unternehmerische Freiheiten haben sowie einfacher und schneller Kooperationen eingehen können.

Die neue Holding wird 6000 Beschäftigte haben; zum Vergleich: als Daimler-Benz vor fast 30 Jahren zur Holding wurde, waren dort laut Geschäftsbericht 1989 exakt 3538 Frauen und Männer angestellt. Der Konzern, der damals durch zahlreiche Übernahmen unter Vorstandschef Edzard Reuter – zuletzt Messerschmitt-Bölkow-Blohm (MBB) – rasant gewachsen war, hatte sogar fast 80 000 Mitarbeiter mehr als heute mit knapp 290 000 Männern und Frauen. Obwohl fast nur halb so groß wie die aktuell geplante Holding, bezeichnete Reuters Nachfolger Jürgen Schrempp sie und ihren Sitz in Stuttgart-Möhringen verächtlich als „Bullshit Castle“, gemeint als nutzlose Ansammlung von Bürokraten und Stabsstellen. Zwei Jahre nach Schrempps Amtsantritt war die Holding Geschichte.

Der Vermögensverwalter sieht schwarz für die Aktie

An Schrempps Diktum, das Ausdruck einer sehr persönlichen Aversion war, erinnern sich nun langjährige Beobachter. „Dann hätte Schrempp Recht gehabt, der damals vor den Gefahren des ´Bullshit Castle´warnte“, sagte ein führender Kapitalmarktexperte unserer Zeitung mit Blick auf die geplante Größe der Holding. Auch Bert Flossbach, Gründer der Vermögensverwaltung Flossbach von Storch, stimmt Schrempp mit dieser Begründung zu: „Die Holding ist sehr weit weg von Kunden und Mitarbeitern. Sie kann per Definition schon keine guten Entscheidungen in Bezug auf Arbeitsplätze und Kapitalallokation treffen. Das sollte den Führungsteams von Mercedes-Benz und Daimler Truck überlassen bleiben, die eng mit ihren Kollegen zusammenarbeiten.“

Er sieht auch mit Blick auf den Aktienkurs schwarz: „Die Holding wird den Unternehmenswert nicht steigern, sondern nur Geld kosten.“ Marc Tüngler, Hauptgeschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) macht sich Schrempps Wortwahl nicht zu eigen, aber auch er kritisiert: „Mit der Beschäftigtenzahl in der Holding ist das Signal verbunden, dass eigentlich alles weitergeht wie bisher. Stattdessen müsste aber eine Lösung gesucht werden, die vermittelt, dass unten die Entscheidungen getroffen werden, weil die Verwaltung unten sitzt in den Beteiligungen und nicht oben, wo alles zehnmal geprüft und geändert wird.“

Die Mitarbeiter wissen jetzt, wo ihr Job angesiedelt wird

Zur Daimler-Benz-Holding gehörte damals sogar noch die zentrale Forschung, die jetzt in den Aufgabenbereichen nicht auftaucht. Wie zu hören ist, wird das Personalmanagement mit 1500 bis 1700 Beschäftigten zusammen mit der IT-Steuerung die größte Abteilung stellen; hier geht es um Personalplanung, Personalentwicklung und die Vergütung. Das „HR Service Center“ (HR steht für Human Resources/Personalmanagement) soll für einheitliche Standards im Konzern sorgen, was dem Vernehmen nach ein zentrales Anliegen des Betriebsrats war.

Auch mit dem Einkauf wird sich die Holding befassen, soweit es sich um Gegenstände handelt, die nicht strategisch von Belang sind (zum Beispiel Laptops und Smartphones); geplant sind hierfür etwa 600 Stellen. Mit Finanzierung, Bilanzen und Controlling sollen sich etwa 1000 Mitarbeiter beschäftigen. Die Kommunikationsabteilung wird 300 Beschäftigte beisteuern, die Rechtsabteilung 500. Wie zu hören ist, wissen mittlerweile alle Mitarbeiter Bescheid, ob ihr Job künftig zur Holding oder zu einer Tochter gehören wird. Daimler hat seine Betriebsräte früh in die Planung einbezogen und mit einer Beschäftigungssicherung bis Ende 2029 signalisiert, dass die Neuausrichtung kein Stellenabbauprogramm ist. Der Effekt: Kontroverse Debatten um den Umbau in der Belegschaft sind bisher ausgeblieben.

„Projekt Zukunft“ endet am 1. Januar 2020

Der gesamte Neuordnung betrifft mehr als 700 Gesellschaften in gut 60 Ländern, 5000 IT-Systeme, so heißt es, müssen umgestellt werden. Die einmaligen Kosten für die Neuorganisation werden nach Schätzungen des Vorstands im dreistelligen Millionen-Euro-Bereich liegen; hinzu kommen bis 2020 laufende Kosten, die in der Spitze ebenfalls einen dreistelligen Millionenbetrag ausmachen sollen. Für den bereits zitierten Kapitalmarktexperten sind das keine guten Nachrichten: „Die vielen erforderlichen Umstellungen und Neuordnungen sind ein für die Aktionäre teures Festival der Consultants, der Wirtschaftsprüfer und Steuerberater“, kritisiert er. „Die neue Struktur bringt nichts, was nicht auch schon heute mit einem schlagkräftigen Konzernvorstand gemacht werden kann.“ Und: „Gegen die Bildung einer Holding spricht auch, dass die Leute oft mit sich selbst beschäftigt sind und viele Arbeiten doppelt gemacht werden.“

Der Konzern bezeichnet den aktuellen Umbau, der unter der Bezeichnung „Projekt Zukunft“ läuft, als die umfangreichste Neuaufstellung in seiner Historie. Wenn die Aktionäre bei der Hauptversammlung am 22. Mai 2019 in Berlin zustimmen – woran keine Zweifel bestehen –, dann soll im Herbst die Ausgliederung der neuen Gesellschaften rechtlich wirksam werden; seinen Abschluss findet „Projekt Zukunft“ dann am 1. Januar 2020.