John Cryan gibt sich nicht mit kosmetischen Änderungen zufrieden, sondern verschreibt der Bank einen radikalen Umbau. Und sein Auftreten ist bisher überzeugend, kommentiert StZ-Redakteur Klaus Dieter Oehler.

Frankfurt - Es ist noch nicht der ganz große Wurf, den die Deutsche Bank am Sonntagnachmittag nach einer außerordentlichen Aufsichtsratssitzung verkündet hat. Aber eines ist ganz deutlich geworden: der neue starke Mann an der Bankspitze, John Cryan, gibt sich nicht mit kosmetischen Änderungen zufrieden. Eine so grundlegende Reorganisation habe es in der Deutschen Bank noch nicht gegeben, erklärte der Aufsichtsratsvorsitzende Paul Achleitner. In der Tat haben sich weder Anshu Jain noch Jürgen Fitschen getraut, die von ihrem Vorgänger Josef Ackermann eingeleiteten Veränderungen konsequent unter die Lupe zu nehmen. Aber auch Achleitner hat als Aufsichtsratsvorsitzender bisher zu wenig Gestaltungswillen gezeigt, obwohl die Milliardenlasten für Verfehlungen der Vergangenheit schon längst radikalere Veränderungen erfordert hätten.

 

Es ist beinahe paradox, dass ausgerechnet ein Brite die Führungsorganisation, die von Ackermann mit der Begründung etabliert wurde, dass sie in angelsächsischen Kreisen üblich sei, nun wieder kippt. Doch offenbar war sie zu komplex, was sich besonders in Krisenzeiten zeigt.

Aber besser spät als nie, könnte man sagen. Noch ist nicht ganz klar, wie das Geschäftsmodell aussehen soll, das John Cryan für das größte deutsche Kreditinstitut plant. Immerhin ist die Deutsche Bank seit Jahren das einzige deutsche Institut, das im weltweiten Bankenwettbewerb eine größere Rolle spielen kann. Unklar ist zum jetzigen Zeitpunkt, welche Auswirkungen die radikale Neuordnung auf die Arbeitsplätze haben wird – wenn man einmal von dem offenbar nach wie vor beabsichtigten Verkauf der Postbank und dem Rückzug aus bestimmten Ländern absieht. Doch der Auftritt des Briten Cryan ist bislang sehr überzeugend. Offene Worte hat er von Anfang an gesprochen, seit er im Juli den Co-Vorstandsposten übernommen hat. Jetzt folgen die Taten.