Konzert Bachfest Stuttgart Telemann – Meister der perfekten Länge
Das Freiburger Barockorchester und Vox Luminis haben im Mozartsaal mit Kantaten von Georg Philipp Telemann begeistert.
Das Freiburger Barockorchester und Vox Luminis haben im Mozartsaal mit Kantaten von Georg Philipp Telemann begeistert.
Bach soll gut 300 Kantaten komponiert haben, Telemann dagegen 1800. Sein Oeuvre umfasst aber auch ansonsten maximale Ausmaße – in sämtlichen gängigen Gattungen. Zu Lebzeiten hochberühmt, geriet er im Wandel der ästhetischen Beurteilungskriterien in Vergessenheit. Seit ein paar Jahren aber tut sich was in der Telemann-Wiederbelebung. So auch jetzt beim Bachfest Stuttgart im ausverkauften Mozartsaal vor begeistertem Publikum.
Das Freiburger Barockorchester (FBO) und das belgische Vokalensemble Vox Luminis (Leitung: Lionel Meunier) waren angetreten, um sechs Werke des Kantatenjahrgangs 1710/11, den der junge Telemann in seiner Zeit als Hofkapellmeister in Eisenach komponiert hat, hören zu lassen – im thematischen Gang durch die zentralen Events des Kirchenjahrs: vom Advent über Weihnachten bis hin zur Passionszeit.
Ein honoriges Ansinnen, das die besonderen Qualitäten der Musik Telemanns offenbarte: etwa in den schlichten, klangschönen Chorälen, in denen die 16 Stimmen von Vox Luminis genauso wie in den polyfonen Chören luzide, klar, rein, beweglich zusammenwirkten. Außerdem in den von grandioser melodischer Erfindung zeugenden Arien, die in unterschiedlicher Qualität von Stimmen des Vokalensembles übernommen wurden. Hier erfreute vor allem die warme, wohlklingende Bassstimme von Sebastian Myrus, außerdem die Sopranistin Viola Blache und der Tenor Vojtěch Semerád durch innere Anteilnahme und Emphase. Telemanns besonderes Gespür für die „richtige“ Länge und Abwechslung macht Laune: Alles bleibt fasslich, nie ufern die Arien aus. Tanzrhythmen und feine Instrumentationskunst kamen wiederum der Profilierung des FBO zugute
Der Beginn des Konzerts mit der Kantate „Nun komm der Heiden Heiland“ ließ freilich von der auskomponierten freudigen Erwartung auf den Erlöser so gut wie nichts hören. Es drohte sich jenes breitzumachen, dem Telemann Zeit seines Lebens kompositorisch den Kampf angesagt hatte: Langeweile! Doch von Kantate zu Kantate kam das FBO und damit auch die Tempi und der Fluss in Gang, und so erklangen nicht nur mit den dramatischen Chören „Ihr Völker, bringet her dem Herrn“ oder „Aus Gnade seid ihr selig worden“ echte Highlights. Hätte Telemann selbst sechs seiner Gottesdienst-Kantaten am Stück gespielt? Niemals!