Konzert der Bachakademie Freiheitshymne mit Bongos und Bouzoukis

Hans-Christian Rademann dirigiert die Gaechinger Cantorey und das Instrumentalensemble. Foto: Holger Schneider

Hans-Christoph Rademann führt Mikis Theodorakis‘ „Canto General“ auf – und die Liederhalle wird zur musikalischen Partymeile.

Die Bachakademie kann nicht nur Bach und Akademie. Sie kann auch Folklore, und sie kann Musik, die nicht nur Musik sein, sondern obendrein ein politisches Statement setzen will. Sie kann Mikis Theodorakis. Und der wiederum kann nicht nur „Alexis Sorbas“. Theodorakis’ gewaltiges Oratorium „Canto General“, eine in den mittleren 1970er Jahren entstandene Vertonung von zwölf Gedichten aus Pablo Nerudas gleichnamiger Sammlung, bringt Folklore und Politik, Südamerika und Griechenland, die Neue und die alte Welt, Bongos und Bouzoukis, Unterhaltung und tiefen Ernst zusammen.

 

Der Beethovensaal steppt

Am Sonntagabend wollten so viele Menschen diesen Clash der Kulturen erleben, dass das Konzert (wann war das zuletzt im „Klassik“-Bereich der Fall?) komplett ausverkauft war. Am Ende steppt der Beethovensaal. Es gibt stehende Ovationen für einen hoch emotionalen, intensiven, musikalisch exzellent gestalteten Abend, und ganz nebenbei hat Hans-Christoph Rademann bewiesen, dass er nicht nur geistlich kann. Der „Canto General“ transportiert leichtfüßig ein schweres Thema. Die Intensität von Nerudas Gedichten entsteht dadurch, dass diese nicht nur die Geschichte, die Natur und die Menschen Südamerikas spiegeln, sondern zugleich auch deren Gefährdung. Nach einem Besuch beim chilenischen Präsidenten Salvador Allende 1973 hat Mikis Theodorakis den Plan für eine Komposition gefasst; als sein „Canto General“ 1974 in Paris uraufgeführt wurde (die vollständige Fassung hatte 1981 Premiere in Ostberlin), hatte sich Augusto Pinochet in Chile an die Macht geputscht, Allende und Neruda waren tot. „Verteidigt eure Werte, eure Welt!“ und „Wehrt euch gegen alle Diktatoren!“: Das sind die Leitsätze, die Theodorakis’ Oratorium prägen. Ihre Lauterkeit und ihre Kraft spürt man noch heute.

Mitglieder des Instrumentalensembles Foto: Holger Schneider

Dabei hat die ohrwurmgespickte Musik etwas Spielerisches, oft gar Naives. Auf der Bühne sitzen vor dem großen Chor sechs Schlagzeuger, die ein riesiges Instrumentarium bedienen und dabei oft aktiv gegen den Taktschwerpunkt anarbeiten müssen. Rasseln, Drumset, Ratschen, Gongs, Stabspiele, Pauken: Das alles ist da und will in wechselnder Zusammensetzung zum Klingen gebracht werden, denn der „Canto General“ ist nicht nur ein „Gesang für alle“, sondern lebt von unterschiedlichsten Rhythmen. Die meisten sind südamerikanischen, einige griechischen Ursprungs, und wenn Theodorakis unterschiedliche Taktarten kombiniert, beginnt unser mitteleuropäisches Hirn gut gelaunt zu straucheln. Für die spezielle Farbe des Stücks sorgen (neben zwei Flügeln) aber auch die Zupfinstrumente: Gitarren, Mandolinen, E-Bass, Bouzoukis. Hinzu kommen drei Flöten. Streichinstrumente gibt’s nicht.

Der Chor singt perfekt

Was für ein Chor! Die mit vielen jungen Sängerinnen und Sängern erweiterte Gaechinger Cantorey bewegt sich so mühelos durch den bunten Klang-Dschungel, als habe sie diese Musik schon immer gesungen (dabei weiß jeder, dass gerade das scheinbar Einfache und Leichte besonders schwer zu erreichen ist). Die Stimmen sind gut verschmolzen, die Linien präzise geführt, die Textaussprache ist genau, der Gesamtklang ausgewogen, die Freude ist spürbar. Im Chorsatz „A Emilio Zapata“ wechseln Frauen- und Männerstimmen wie weiland bei Brahms’ „Zigeunerliedern“ – überhaupt hat der Chorklang bei Theodorakis etwas ausgeprägt Spätromantisches. Und allein die Art, wie der Chor den „Lautaro“-Satz am Ende im Pianissimo verklingen lässt, ist ein Traum.

Altistin Julia Böhme Foto: Holger Schneider

Toll sind auch die beiden Solistenpartien besetzt. Die Altistin Julia Böhme, sonst eher in der Alten Musik unterwegs, vereint Genauigkeit mit Glut, und der Bariton Daniel Ochoa verstärkt nicht nur den Passionston des Stücks, sondern würzt seine sehr eigene Mischung von Psalmton und prophetischem Eifer noch mit einer Prise Fado. Seinem Pathos kann man sich selbst dort nicht entziehen, wo einem die Dauer-Emphase womöglich ein bisschen zu viel wird. Denn am Ende ist dieser Nachklapp zum Lateinamerika-Schwerpunkt des letzten Bachfests vor allem eines: ganz großes Klangkino, ein Fest der Farben und der Lebensfreude. Und das in Stuttgart. Großartig!

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Konzert Liederhalle