Konzert der Kantorei der Karlshöhe Ludwigsburg Welche Musik hörte der Herzog in seinem Schloss?

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Nikolai Ott hat Werke von Musikern wiederentdeckt, die im frühen 18. Jahrhundert für den Hof von Ludwigsburg und Stuttgart komponiert haben. Die Kantorei der Karlshöhe wird sie singen.

Historische Noten in der Rohfassung Foto: privat
Historische Noten in der Rohfassung Foto: privat

Ludwigsburg - Nachdem er im Frühjahr 2017 die Kantorei der Karlshöhe übernommen hatte, sorgte Nikolai Ott im November für eine erste Überraschung: Damals verlangte er dem Chor viel ab, als er ihn nicht nur Händels Oratorium „Israel in Egypt“, sondern auch „Beben“, eine Komposition des zeitgenössischen Komponisten Jan Kopp, singen ließ. Nun folgt die nächste Pioniertat des jungen Dirigenten: Am 8. Juli führt die Kantorei selten gehörte Werke von Ludwigsburger Hofmusikern auf.

Der Titel „Wisset ihr nicht...“, mit dem der Konzertabend am 8. Juli in der Ludwigsburger Friedenskirche überschrieben ist, ist einem Lied entnommen. Man dürfe ihn aber auch gern auf das Konzept übertragen, verrät Nikolai Ott: „Im Sinne von wisst ihr nicht, dass wir hier auch tolle Musik haben?“ Hier heißt, in Stuttgart und in Ludwigsburg. Gemeint sind Werke, die im frühen 18. Jahrhundert komponiert wurden. Weshalb sich das Konzert auch mühelos in das Programm anlässlich der 300-Jahr-Feier der Stadt einfügt; Ludwigsburg wurde 1718 zur Stadt erhoben.

Noten wurden nie gedruckt

Musik von Niccolò Jommelli wollte Ott ausdrücklich nicht aufführen. „Der ist ja relativ bekannt, und sein Werk ist in den letzten Jahren sehr präsent gewesen“, sagt der Kirchenmusiker. Stattdessen steht nun eine Messe von Giuseppe Antonio Brescianello, der 1718 oder 1719 als Oberkapellmeister an den Stuttgarter Hof kam, auf dem Programm. Außerdem wird eine Kantate von Georg Eberhard Duntz sowie eine Miserere von Ignaz Holzbauer, der ebenfalls in Stuttgart vorstellig wurde, aufgeführt.

Mit dieser Auswahl sei garantiert, dass auch Musikbegeisterte die Werke entweder schon lange nicht mehr oder – in Einzelfällen – noch nie gehört haben. „Ein Teil der Noten ist noch nie gedruckt worden“, sagt Ott, „es gibt sie nicht zu kaufen.“ Wie kam die Kantorei an diese Kompositionen? Dank vieler glücklicher Fügungen.

Einige Werke sind erst vor wenigen Jahren wieder entdeckt worden, eines etwa im Fundus der Leonberger Stadtkirche. Ott hat sich diese Blätter vorgenommen und sie ediert. Das heißt, er hat, was meist nur in der Fassung für eine Stimme vorlag, für Chöre transkribiert, und er hat die oft nur rudimentär vorhandenen Pausenzeichen ergänzt und die meist gar nicht vorhandenen Taktzeichen eingeführt, um die Noten für Zeitgenossen überhaupt erst les- und damit singbar zu machen. „Dafür habe ich auch einige Nachtschichten einlegen müssen“, sagt der 27-Jährige, der neben seiner Arbeit für die Kantorei und andere Chöre noch Chor- und Orchesterleitung in Trossingen studiert.

Auch wenn Ott diese Notenbearbeitung nicht allein für den Karlshöhenchor geleistet hat – er bereitet zurzeit die Veröffentlichung eines Buches über frühe württembergischen Komponisten vor – so profitiert die Kantorei doch auch davon. Ebenso wie die Ludwigsburger, die in den Genuss selten zu hörender Barockmusik kommen.

Musik aus der Zeit der Stadtgründung

Im Grunde seien die ausgewählten Musiker allesamt Zeitgenossen von Bach. Aber das Projekt sei schon darum interessant, weil es zeige, wie der Geschmack der damaligen Zeit war. Während der heute alles überragende Johann Sebastian Bach eigenen Maßstäben folgte, seien Hofkomponisten wie Brescianello oder Holzbauer modern gewesen. „Man erfährt dadurch, wie der Musikgeschmack zurzeit der Stadtgründung Ludwigsburgs war“, glaubt Ott.