Konzert der Stuttgarter Philharmoniker Die Hände zum Himmel

Dirigent Daniel Raiskin Foto: Stuttgarter Philharmoniker

Bei den Stuttgarter Philharmonikern dirigiert Daniel Raiskin Werke von Mendelssohn, Sibelius und Konstantia Gourzi.

Zwanziger Jahre gab’s nicht nur im 20. Jahrhundert, und das Staunen über das Entstehungsjahr mancher Werke neu geweckt zu haben, ist ein Verdienst der Konzertreihe „Zwanziger Jahre“. Überdies steckt in ihr ein bisschen Party, denn die Stuttgarter Philharmoniker feiern mit ihr in dieser Saison das 100-Jahr-Jubiläum ihrer Gründung. Allerdings passt Manches jenseits der Zahlen nur bedingt zusammen – wie etwa beim Dreisprung über drei Jahrhunderte am Donnerstag in der Liederhalle. Aber die hohe Qualität der Darbietungen bietet hier dem Eindruck des dramaturgischen Patchworks reichlich Paroli. Daniel Raiskin, ein international gefragter russischer Dirigent, betritt die Bühne mit einem gelb-blauen Einstecktuch am Sakko (so schnörkellos kann politische Positionierung funktionieren), und er hat das Geschehen mit klarer Zeichengebung fest im Griff.

 

Das beginnt schon bei Mendelssohns erster Sinfonie: Um die Eigenart hörbar zu machen, die das Werk des gerade mal Fünfzehnjährigen von der Musik seiner klassischen Vorbilder abhebt, muss man im Eingangssatz die wirbelnden Klangfarben klar herausarbeiten, im Trio-Teil des Menuetts dem Feinen, Leisen Raum geben, und man muss der Klarinette im Seitenthema des Finales einen Klang-Flokati aus gezupften Streichertönen ausbreiten.

Bildhaft! Lebendig!

Das alles tut Raiskin, das Orchester ist hoch konzentriert dabei, und wieder einmal darf man über die Qualität staunen, die dem Bläserapparat in den letzten Jahren zugewachsen ist.

Sie trägt, angeführt von der Posaune, auch Jean Sibelius’ siebte (und letzte) Sinfonie, einen monolithischen Zwanzigminüter, der mit gutem Grund zunächst den Titel „Fantasia sinfonica“ trug. Aus der Indifferenz des Anfangs entwickelt sich ein fragiles Netz der harmonischen, metrischen und motivischen Vernetzungen – und kaum hat man sich dem Sog ergeben, ist das Stück auch schon vorbei.

Sibelius Siebte sei „heilige Musik“, hat der Dirigent Osmo Vänskä einmal behauptet. Das verbindet es mit dem Trompetenkonzert „Ypsilon“ der 63-jährigen Griechin Konstantia Gourzi, denn dieses streckt, sehr bildhaft und atmosphärisch dicht, ebenfalls die Hände zum Himmel. Simon Höfele belässt es nicht bei der Ausgestaltung eines geblasenen und mit wechselnden Dämpfern modifizierten Klangfarben-Kosmos, sondern formt seinen Part zu einem fragilen Dialog, auf den das Orchester lebendig reagiert. Sogar das Publikum summt mal mit, und am Ende zwitschern die Vögel. Ach!

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