Konzert der Stuttgarter Philharmoniker Vom Wunderkind zum Wundermann
Die Stuttgarter Philharmoniker sind in ihre neue Saison gestartet. Dem Publikum boten sie mit dem ersten Konzert in der Reihe „Highlights der Klassik“ etliche Aha-Momente.
Die Stuttgarter Philharmoniker sind in ihre neue Saison gestartet. Dem Publikum boten sie mit dem ersten Konzert in der Reihe „Highlights der Klassik“ etliche Aha-Momente.
Neue Verpackung – und ein leicht veränderter Inhalt. Die Stuttgarter Philharmoniker nennen die Konzertreihe mit dem etwas altbackenen Namen „Terzett“ jetzt schick „Highlights der Klassik“. Etikettenschwindel ist das immerhin nicht: Weiterhin kann man hier die Hits des symphonischen Repertoires ungestört von Neuem und Unbekanntem genießen. Wobei zumindest in dieser Saison ein „fast“ hinzugefügt werden muss, denn anlässlich seines 100. Geburtstags ergänzt das Orchester alle Programme um je ein „Minutenstück“ aus der Feder junger Komponierender.
Bei der Saisoneröffnung am Sonntag hat die Sehnsucht nach dem reinen Klassikbiotop für eine fast vollständige Besetzung des Beethovensaals gesorgt, und für eine Erweiterung des romantischen Klangraums sorgt anfangs die Koreanerin Zoey Jaeyon Jo, die in ihrem Kurzwerk „Impulse“ das Orchester schon einmal kräftig durchknetet. Begeisterung im Publikum, wer hätte das gedacht: Mit solchen Stücken kann man Kopfbarrieren abbauen. Ganz wie gewohnt ging’s auch danach nicht weiter, denn die Konzerte der Reihe werden jetzt moderiert, und der Intendant Christian Lorenz, selbst studierter Dirigent, macht das nicht nur locker, sondern erzeugt, flankiert durch Klangbeispiele von den Philharmonikern unter Andrey Boreyko, Hörhilfen mit Aha-Momenten.
Die Fähigkeit, die Partitur in Einzelteile zu zerlegen, besitzt in hohem Maße auch Andrey Boreyko. Wie bewusst er den Klang formt, zeigen schon die Bewegungen seiner Hände. In Tschaikowskys sechster Sinfonie, der mit Leiden und Leidenschaft gespickten „Pathétique“, legt er im dritten und vierten Satz sogar den Taktstock beiseite, um plastischer andeuten zu können, was er gerne hören will. Das ertönt in großer Detailgenauigkeit: Unter Boreyko haben die Klänge Poren, Fältchen, Faszien. Kollateralschaden der Kopfarbeit: Die emotionale Vertiefung bleibt zuweilen auf der Strecke. Die zwielichtigen Mittelsätze geraten zu gerade, und so hängt der langsame (!) Schlusssatz bis hin zu seinem merkwürdig verlöschenden Schluss im luftleeren Raum.
Boreykos analytischer Zugriff treibt auch Rachmaninows zweitem Klavierkonzert alle Kitschgefahr aus – unter reger Mithilfe von Alexander Malofeev (23), der seit seinem Sieg in der Nachwuchssparte des Tschaikowsky-Wettbewerbs 2014 als eine der großen pianistischen Nachwuchshoffnungen gilt. Seinen anspruchsvollen Part spielt Malofeev makellos, und in guter Koordination mit dem Orchester generiert er sehr feine, glasklare Klangmomente. Nirgends hört man Effekte nur um der Effekte willen. Das Stück ist im Fluss; sehr wach hört der eine auf den anderen, die dynamische Balance stimmt. Zu erleben ist aber auch eine gewisse Distanz – oder treffender: eine Entfernung vom Gefühlskern eines Stückes, das hier zwar gut aufgeführt wird, aber nicht in seinen Abgründen durchlebt und durchlitten. Spieltechnisch ist Malofeev Weltklasse, das beweisen auch die beiden Solo-Zugaben von Händel und Rachmaninow. Ob und wie wir ihm in zehn Jahren wiederbegegnen werden, ist eine andere, noch ziemlich offene Frage.