Konzert des SWR-Symphonieorchesters Klangfeier für Helmut Lachenmann

Vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Bundesverdienstkreuz und dem Deutschen Musikautorenpreis der Gema in der Kategorie „Lebenswerk“: Helmut Lachenmann. Foto: Lebrecht Music and Arts Photo

Das SWR-Symphonieorchester feiert in Stuttgart den Komponisten Helmut Lachenmann und bringt dessen „Ausklang“ mit Beethovens 7. Sinfonie zusammen.

Der Jubilar sitzt im Publikum. Doch weil Helmut Lachenmann zwar „der größte Komponist unserer Zeit“ ist, dem Dirigenten aber eine Laudatio untersagt hat, lässt François-Xavier Roth die Musik selbst sprechen. So gibt das SWR-Symphonieorchester die Zugabe gleich zu Beginn. Das ist aber insofern logisch, als Lachenmanns „Marche fatale“ das Modell Marsch mit seinem Pomp- und Kriegs-Kontext hier an seinem eigenen Bumbumm und Tschingedarrassassa ersticken lässt. Streng genommen ist dieses Stück keine Gratulationsmusik. Es sei denn, man verstünde das Hochlebenlassen des Neunzigjährigen als Abschiedsfest, und das wäre schon deshalb schade, weil das Orchester gleich anschließend einen schlagenden Beweis für dessen fortdauernde Energie und Innovationskraft erbringt.

 

Trotz seiner fast 40 Jahre wirkt das Werk noch frisch

Viele Wegbegleiter Helmut Lachenmanns sitzen am Donnerstag im Stuttgarter Beethovensaal, und sie erleben mit dem fast vier Jahrzehnte alten „Ausklang“ ein immer noch frisch wirkendes Werk. Jean-Frédéric Neuburger führt am Flügel Pedalwirkungen vor, traktiert die Tasten mit Plastik-Utensilien; ein Netzwerk von Klangfamilien nimmt das Angespielte auf, spinnt es fort. Klangzellen werden zu Klangfeldern, etwa wenn fast tonlose Bogenbewegungen der Streicher und das zischende Geräusch aneinander geriebener Styroporklötze zusammenfinden. Im Wechsel der Farben beginnt die Musik zu schillern. Manchmal setzt ein Motiv wie ein Dominostein eine Kette von Reaktionen in Gang. Und Lachenmann lässt nicht nach. Zwar scheint in den Momenten, in denen das Orchester das Verklingen des Flügels „verlängert“, Fausts „Verweile doch!“ auf. Aber Lachenmann weiß so gut wie Goethe, dass ein Beharren des Teufels ist, deshalb hält er das Netzwerk in Bewegung und bohrt sich immer tiefer hinein ins Herz der Klänge. Um dies in all seiner Feinheit hörbar zu machen, braucht es einen Klangkörper wie das SWR-Symphonieorchester. Dessen Wachheit und Präzision sind hier atemraubend, und das gilt ebenso für François-Xavier Roth am Pult. Der Dirigent sorgt auch dafür, dass der Bogen zu Beethovens 7. Sinfonie gelingt. Den gibt es hier wirklich: erstens, weil die Ohren des Publikums nach Lachenmanns Stück geschärft sind. Zweitens, weil bei Minimal-Vibrato, einer Kombination von modernen (Streicher) und alten Instrumenten (Blechbläser) rasanten Tempi, einer exzellenten Balance der Stimmen (die Kontrabässe hinten) und einem ausgeprägten Fokus auf Details die Radikalität auch dieses Stücks deutlich wird. Und drittens, weil auch Beethoven das Orchester nachklingen lässt. Eine Oboe legt sich über den Nachhall des Schweigens. Der Geist erkennt, der Rest ist Beglückung.

Atemberaubendes Orchester

Dirigent François-Xavier Roth. Foto: Nils Wagner

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