Konzert Gaechinger Cantorey Die Verwandlung beim „Messiah“ bleibt aus
Hans-Christoph Rademann dirigiert im Stuttgarter Beethovensaal Händels „Messiah“ sehr fein, sehr genau – doch etwas fehlt.
Hans-Christoph Rademann dirigiert im Stuttgarter Beethovensaal Händels „Messiah“ sehr fein, sehr genau – doch etwas fehlt.
We shall be changed – wir werden verwandelt: Als der Bass Tobias Berndt diese Worte aus Händels Oratorium „Messiah“ („Der Messias“) singt, nein, mit dem ganzen bebenden Körper formt, spürt man deutlich seine innere Erregung. Auch Benedikt Kristjánsson hat zuvor mit seinem klar fokussierten Tenor das Wunder des Lebens und Sterbens Christi in Töne gefasst, und die Altistin Marie Henriette Reinhold ringt der barocken Kunstmusik sehr viel Natürlichkeit ab – obwohl sie die Wiederholungen in ihren Arien mit einem Höchstmaß an kreativem Zierwerk ausstattet.
Mit dem Orchester der Gaechinger Cantorey gelangt Hans-Christoph Rademann zu erstaunlicher gestalterischer Feinheit, vor allem zu ergreifenden Piano-Momenten, und der Chor ist ein agiles Homogenisierungswunder mit 20 Mündern, an der Spitze die fünf Sopranstimmen: eine einzige lichte Linie, ganz ohne Flackern, wunderbar.
Dennoch hat das Publikum den Stuttgarter Beethovensaal am Sonntagabend nicht verwandelt verlassen. Was ist passiert – oder besser: was nicht? Wir hören zwei klein besetzte Ensembles (das Orchester beschränkt sich bei den Streichern auf nur neun Violinen, drei Bratschen, zwei Celli und einen Kontrabass), hier ist viel kammermusikalische Intimität möglich, und der Dirigent nutzt diese Möglichkeit weidlich aus. Weich, ja zärtlich begleiten die Instrumente das tröstliche „Comfort ye“ der Eingangsarie, mit reichen Farben statten die Streicher den Weg von der Finsternis ins Licht im Bass-Accompagnato „For behold“ aus, der Schluss des „Glory to God“-Chorus verschwindet wirkungsvoll in der Stille. Der oft federleicht singende und artikulierende Chor scheint immer wieder zu tänzeln („For unto us a Child is born“, „All we like Sheep“), sogar bei eigentlich ziemlich schwergewichtigen Fugen, und das „Amen“ am Ende ist ein Meisterwerk der raffinierten Steigerung.
Wenn da nicht jene Momente wären, in denen der Bogen bricht. Im zweiten, dem dramatischsten Teil des Stücks geschieht das nur selten, dafür aber im ersten und dritten. Hier erlebt man Einzelsätze, jeder für sich eine Klangpreziose, doch es gibt keine Geschichte, keinen Zug nach vorne. Was ist, abgesehen von der Konservierung eines wunderschönen Barockwerks, das innere Anliegen der Ausführenden? Diese Frage bleibt unbeantwortet. Das Publikum kann höchste Kunst bewundern, aber an diesem Abend bleibt die Berührung aus: Da hat das Alte nicht ins Heute hineingereicht.