Konzert im Stuttgarter Kulturquartier Atem holen mit Tiemo Hauer

Von Thomas Morawitzky 

Der Stuttgarter Songwriter Tiemo Hauer hat am Samstag ein Konzert im Stuttgarter Kulturquartier gegeben. 99 Zuschauer – mehr lassen die aktuellen Corona-Regeln nicht zu – freuten sich über ein Wiedersehen.

Tiemo Hauer beim Auftritt im Kulturquartier Foto: Lichtgut/Julian Rettig 9 Bilder
Tiemo Hauer beim Auftritt im Kulturquartier Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Stuttgart - Eigentümlich, wie gut sich dieses Album in die Zeit einfügt. „Gespräche über Vor- und Nachteile des Atmens“ stand pünktlich zum Lockdown in den Regalen; die Songs schrieb Tiemo Hauer, ehe die Welt ihre Atemwege mit Masken verhängte. Auf dem Album findet sich dann auch ein Stück, in dem er diese Zeile singt: „Hab’ das Haus nie so ungern verlassen wie jetzt.“

Schnaps und Liebeskummer

Freilich: Keine Pandemie war der Grund für die Häuslichkeit, sondern Schnaps und Liebeskummer. Auch das kann schlimm sein, und Tiemo Hauer, geboren und aufgewachsen in Stuttgart, kennt sich aus, vor allem mit dem Liebeskummer. Wenn er nun singt, am Samstagabend im Stuttgarter Kulturquartier, vor dem kleinen Publikum von 99 Fans, das dort nur Einlass findet, dann ist das eine Rückkehr auf die Bühne – nicht aus der Zeit des Lockdown, sondern aus einem selbstbestimmten Rückzug. Vier Jahre sind vergangen, seitdem Hauer seine letzten Konzerte gab; die Tournee, die er für 2020 plante, wurde verschoben auf das Frühjahr 2021. Mehr als nur ein neues Album hat er eingespielt, seit seinem Rückzug, auch eine EP – „Ein kurzes für Immer“, so heißt sie, und ist voll von Liedern, die vom Abschied erzählen.

Schwelgen in Melancholie

Nun sitzt er im Kulturquartier an seinen Keyboards, singt mit tiefer, rauer Stimme, greift energisch in die Tasten. Gitarrist Matthias Franz tritt gelegentlich auf, setzt sich ihm gegenüber, flicht sphärische Klänge, kleine Riffs und schmutzige Akkorde in die Lieder, singt mit ihm. Zumeist aber gehört die Bühne ganz Tiemo Hauer. Er schwelgt in schierer Melancholie, singt markant von wundgeküssten Lippen, verspottet die Egoisten, singt von Menschen, die nur noch auf die Bildschirme schauen, und reckt der himmelblauen Partei den mittleren Finger entgegen.

Platz ist auch für den Radio-Hit „Nächte am Strand“

Tiemo Hauer pflegt einen ungeschliffenen Sound und eine stürmische Attitüde; mit Stücken, die er ganz zu Beginn seiner Karriere schrieb, tut er sich schwer und holt sie doch wieder hervor, für seine Fans – „Nächte am Strand“ zum Beispiel, den Radio-Hit, den er hatte, ehe er dem Major-Label Universal den Rücken zukehrte. „Verliebte“ ist ein Lied, das er erst zwei Wochen vor dem Konzert schrieb, am Samstag zum ersten Mal vor Publikum singt, und „Gefallener Baum“ lässt Hörer, die alt genug sind, unweigerlich an die früh verstorbene Alexandra denken.

Hauer wirkt fast wie ein Chansonnier

„Man, sind wir alle groß geworden!“, singt Tiemo Hauer, und dann „Wann sind wir alle doof geworden?“ „Funktionieren“ heißt der Song, vier Jahre ist er alt. Tiemo Hauer ist 30 Jahre alt seit Januar. Im Kulturquartier erlebt man am Samstag einen deutschen Songwriter, der deutlich seinen eigenen Weg sucht, sich allmählich von den Klischees seiner Szene verabschiedet. Eine Stimme, die sich abhebt, besitzt er längst, und Texte, die kantiger, aufmüpfiger, emotionaler daherkommen, schreibt er auch. Auf der Bühne wirkt er fast wie ein Crooner oder Chansonnier, der über seinen Tasten hängt und nachdenkt über das Leben, die Liebe, die Leidenschaft und das Vergehen der Zeit. Er verabschiedet sich nur widerwillig – „Dieser Abend hat mir viel Kraft gegeben“, das sagt Tiemo Hauer seinen Fans zum Abschied.




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