Konzert im Wizemann Aufgeschreckte Träumereien: So war’s bei Efterklang in Stuttgart
Von wegen Kammerpop! Die dänische Band Efterklang begeistert am Dienstagabend mit dramatisch-expressiver Musik im Stuttgarter Wizemann.
Von wegen Kammerpop! Die dänische Band Efterklang begeistert am Dienstagabend mit dramatisch-expressiver Musik im Stuttgarter Wizemann.
Casper Clausen holt Luft. Für einen langen Moment ist es im Studio des Wizemann so still, dass man den ganz in Rot gekleideten Mann tatsächlich einatmen hört. Keiner der rund 150 Menschen hier hat das Bedürfnis diesen Augenblick der Anspannung zu ruinieren, reinzuschreien oder loszulachen. Stattdessen hält das Publikum ebenso wie die Band auf der Bühne für ein paar Sekunden die Stille aus. Bis Efterklang plötzlich mit einem mehrstimmigen Gesang diese Kunstpause beenden und den Song „Cutting Ice To Snow“ fortsetzen, mit dem die Dänen den Zugabenteil ihres Konzerts in Stuttgart eröffnet haben.
Ja, diese Band ist selbst dann grandios, wenn sie das Nichts in Szene setzt. Und wenn sie Musik macht, ist man sich nie ganz sicher, wie man diese opulent-fragilen Songs in Worte fassen soll: Sigur Rós auf Speed? James Blake im Elektromarkt? Arcade Fire für Fortgeschrittene? Efterklang sind alles auf einmal, verstehen einen immer neu zu begeistern und wunderbar durcheinander zu bringen. „Es ist verdammt lange her, dass wir hier in Stuttgart waren“, behauptet Clausen irgendwann. Aber kann es tatsächlich sein, dass die Band das letzte Mal vor 15 Jahren in Stuttgart aufgetreten ist, als es noch das Schocken gab? Der Efterklang-Sänger verrät jedenfalls, dass er eine kindliche Bindung zu Stuttgart hat. „Als Fünfjähriger war mein Traumauto eine silberner Porsche 911“, sagt er, „jetzt in dieser Stadt zu spielen, fühlt sich so an, als ob ich wieder zu dem kleinen Jungen werde“.
Und dieser Junge hat das Träumen nicht verlernt. Die herzerwärmend-traurigen Songs von Efterklang sind voller surrealer Fantasien, voller Geistergeschichten, aber auch voller Lovestorys. Wer nur die Alben der Dänen kennt (zuletzt erschien das achte mit dem Titel „Things We Have In Common“), hat sich wahrscheinlich in diesen kunstfertig-intimen Kammerpop verliebt, den Mads Brauer, Rasmus Stolberg und Casper Clausen gerne mit Soundexperimenten und dezenten elektronischen Effekten, mit Wehmut und Eskapismus anreichern.
In den Songs treffen berückende, nach Nähe suchende Balladen auf von Breakbeats aufgeschreckte Träumereien, und Trip-Hop trifft auf Pop und Minimal Music.
All das bietet die Band zwar auch beim Konzert in Stuttgart, inszeniert die Songs aber zudem dramatisch-expressiv. Dazu, dass Efterklang nicht nur als Studiokombo, sondern ebenso als sensationelle Liveband erscheinen, trägt vor allem bei, dass sich das Trio auf der Bühne im Wizemann Verstärkung holt: den Schlagzeuger Tatu Rönkkö aus Helsinki sowie die Cellistin Mabe Fratti und den Gitarristen Hector Tosta aus Mexiko City. Das Ergebnis ist, dass die Stücke eine ganz andere Kraft, eine ganz andere Farbe bekommen als auf den Alben. Efterklang bescheren dem Stuttgarter Publikum so großartige Livemomente. Nicht nur in „Cutting Ice To Snow“, sondern auch mit dem aufwühlenden „Modern Drift“, dem um einen verschleppten Beat kreisenden „Sentiment“, dem störrisch elektronischen „Swarming“ oder dem betörenden „Animated Heart“. Und dann gibt es da noch „Getting Reminders“, das die Band am Ende dieses denkwürdigen Konzerts akustisch und unverstärkt mitten im Publikum spielt.