Konzert im Wizemann Deutschlands Bruce Springsteen? So war’s bei Betterov in Stuttgart

Betterov am Montagabend im Wizemann in Stuttgart Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt

Melancholie, Pathos, Nostalgie, Dramatik, Aufruhr: Der Indierock-Musiker Betterov hat am Montag in Stuttgart sein Album „Große Kunst“ vorgestellt: So war’s beim Konzert im Wizemann.

Freizeit & Unterhaltung : Gunther Reinhardt (gun)

Der Ehrentitel „Deutschlands Antwort auf Bruce Springsteen“ ist seltsamerweise seit vielen Jahren nicht vergeben. In den 1980er gebührte dieser noch Wolf Maahn, weil er in Songs wie „Deserteure“ oder „Fieber“ sowohl den Sound als auch die Haltung des Arbeiterklassen-Helden Springsteen wunderbar imitierte. Und weil Wolfgang Niedecken dann doch lieber Bob Dylan als der Boss sein will, fehlt seit Jahrzehnten jemand, der diesen Ehrentitel wirklich verdient hätte.

 

Doch nun gibt es Betterov. Mit einer grandiosen Wucht inszeniert er am Montagabend in der vollen Wizemann-Halle in Stuttgart seine Songs, bei denen sich das Private und das Politische nie voneinander trennen lassen, bei dem es immer um das Leiden der Unprivilegierten in der kapitalistischen Ellenbogengesellschaft geht. Zum Beispiel wenn er in dem betörenden Epos „Papa fuhr immer einen großen LKW“ davon erzählt, dass sein Vater zwei Jobs hatte, um die Familie zu ernähren: Um wenigstens etwas Zeit mit seinem Vater verbringen zu können, hat er sich oft auf dem Beifahrersitz gesetzt, wenn dieser am Wochenende Lastwagen gefahren ist: „Doch irgendwann hat er zu mir gesagt/Besser, wenn du später Mal was anderes machst/Such’ dir eine Arbeit, bei der deine Hände ruh’n/Mach später Mal nicht sowas, wie alle hier um uns.“

Betterov: von „Große Kunst“ bis „Dussmann“

Bei Betterov lässt sich Privates und Politisches nie voneinander trennen. Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt

Man glaubt, den Songs Betterovs, die sich mit Melancholie, Pathos, Nostalgie, Dramatik und Aufruhr vollgesogen haben, seine ostdeutsche Sozialisation anzuhören – auch wenn er inzwischen in Berlin lebt. Betterov, der eigentlich Manuel Bittorf heißt, ist im thüringischen Bald Salzungen aufgewachsen, und die Stücke „17. Juli 1989“ und „18. Juli 1989“ erzählen nicht nur erneut von seinem Vater, sondern auch deutsch-deutsche Geschichte.

Das Konzert beginnt mit der sentimental-opulenten Ballade „Große Kunst“, die nicht nur mit erschütternder Selbstverständlichkeit, das Gefühl der Verlorenheit nicht nur in der ostdeutschen Provinz beschreibt („Bei uns gab es keine große Kunst/All’ die großen Namen haben/Nur für andere gemalt“). Und es endet mit dem rabiat-empfindlichen „Dussmann“, in dem er über sein merkwürdiges Leben zwischen Plattenbauten und „Pulp Fiction“ nachdenkt.

Dazwischen gibt es Platz für unwiderstehliche Hymnen wie „Schlaf gut“ oder „Immer die Musik“, für angepunkte Versionen von „In meinem Zimmer spielen sich Dramen ab“ oder „Angst“, Betterov wechselt – begleitet von seiner dreiköpfigen Band – immer wieder mal zwischen Gitarre und Klavier. Und er macht eindrücklich klar, dass er, wenn ein deutscher Bruce Springsteen gesucht wird, der Mann für den Job ist.

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