Konzert im Wizemann Knoblauch und Klangkunst – So war’s beim SWR-Vokalensemble

Benjamin Goodson hat das SWR-Vokalensemble im Wizemann dirigiert. Foto: SWR/Eduardus Lee

Das SWR-Vokalensemble unter der Leitung von Benjamin Goodson bringt im Club Wizemann in Stuttgart Neues und Altes, Konzert und Szene, Kunst und Alltag zusammen.

Was ist denn da los? Laute Schreie füllen den Saal. Äpfel, frische Äpfel! Am Eingang des Clubs Wizemann bietet ein Flohmarkthändler Gegenstände in den Trendfarben der 1960er Jahre feil. Das Publikum sitzt an Bistrotischen. Bunt gekleidete Sänger bieten Häppchen an. Gebrauchte Kleider hängen an Stangen; später schiebt ein Mann einen riesigen Kaktus durch den Raum. Es ist – Überraschung! – der Dirigent des Abends.

 

Spaß und Erkenntnis für das Publikum

Benjamin Goodson, übrigens der designierte Chef des Chores ab 2028, greift erst in die künstlichen Stacheln, später zum Taktstock. Dann leitet er die „Cries of London“, in denen der italienische Komponist Luciano Berio Mitte der 1970er Jahre nicht nur alte Madrigalkunst mit zeitgenössischen Klängen verwebt, sondern außerdem Banales zur Kunst erklärt. Das war nicht nur ein Trend seiner Zeit, das gab’s auch schon früher, und so taugen die „Cries“ exzellent als roter Faden in dem Programm „Knoblauch und Rattengift“, das Angelika Luz für das SWR-Vokalensemble inszeniert hat. Dabei verschränken sich, auch befördert durch die ebenso launige wie kundige Moderation der Ensemblemanagerin Dorothea Bossert, Spaß und Erkenntnis. Außerdem erhalten Einzelsänger die Chance, sich einmal aus dem schützenden Kollektiv herauszuwagen.

Das SWR-Vokalensemble mit dem amtierenden Chefdirigenten Yuval Weinberg Foto: SWR

Zu ihnen gehört die Mezzosopranistin Anna Padalko. Kaum sind Berios Schreie verklungen, steht sie im Fokus. Mitsamt ihrem Täschchen, aus dem sie, sekundiert von exaltiert aufwärtsschnellenden Notenketten, Spiegel, Parfum, ja sogar eine Zahnbürste hervorkramt. Und ein Bonbon, das sie so gerne . . . – aber nein! „Je résiste“, „Ich widerstehe“ ist der zentrale Satz von Georges Aperghis‘ Solo „Désir“. Das Publikum kommt aus dem Lachen nicht heraus.

Eine grüne Paprika wird martialisch geschlachtet

Gleiches gilt für Carthy Berberians „Stripsody“ mit Pauline Stöhr und Steffen Kruse: Die vertonten Comic-Sprechblasen sind hinreißend komisch, hochvirtuos. Und es gilt für die große Rachearie von Mozarts Königin der Nacht in John Cages „cheap imitation“ – hier schlachtet de Sopranistin Wakako Nakaso zu live-elektronisch verfremdeten Koloraturen martialisch eine grüne Paprika. All dies ist ebenso Kunst wie eine Pfeife, die sich nicht im Mund befindet, sondern in einer Vitrine.

Fein ausgehorchte Klänge – und dann gibt’s frische Äpfel

Kleine Ensembles transportieren den historischen Lärm von Märkten in Köln oder Leipzig mithilfe polyfoner Klangkunstwerke aus dem 17. und 18. Jahrhundert ins Heute. In großer Besetzung beweist das SWR-Vokalensemble vor allem in dem Chanson „Un beau baiser“ aus Louis Andriessens „George Sand“-Oper von 1984 seine Klasse: Sanft schieben sich die Linien in- und übereinander, die Klänge sind sehr fein ausgehorcht, die Balance wird exzellent gehalten, und so wehrt sich das stilistisch alte Stück mit stillem Ernst gegen jede ästhetische Zuordnung. Die Zeit steht still. Und danach? Äpfel, frische Äpfel!

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