Riesenhafte Reduktion: Nick Cave in Baden-Baden Foto: Sascha Dresch
Nick Cave ist am Donnerstagabend gemeinsam mit dem Radiohead-Bassisten Colin Greenwood in Baden-Baden aufgetreten. Kritik und Setlist von einem bewegenden Konzert im Festspielhaus.
Michael Werner
05.09.2025 - 13:40 Uhr
Keine Spur von Nick Cave! Stattdessen trägt zu Orgelmusik der meditativen Art aus dem Off ein Helfer einen Bass auf die Bühne, so ehrfurchtsvoll als handle es sich um eine Reliquie. Auf ihm wird Colin Greenwood ein beständiges Grummeln erzeugen für den Star, den Schlacks, der am Bühnenrand Faxen macht, als er fünf Minuten nach dem Bass auf die Bühne rauscht.
Danach setzt sich Nick Cave (67) an den Flügel und vertäut mit der ersten Zeile seines ersten Songs mehr Bedeutung im Festspielhaus, als andere während eines ganzen Konzerts zustande bringen: „Some go on, some stay behind, some never move at all.“ Als Nick Cave mit dem rätselhaft-melancholischen Opener „Girl in Amber“ fertig ist, erklärt er sich: Er wolle an diesem Abend in Baden-Baden die „Monstersongs“, die er 40 Jahre lang mit den Bad Seeds aufgenommen hat, auf die Ursprünge reduzieren, die er seiner Band jeweils präsentierte: „Wir wollen die Songs erforschen und probieren, ob wir die essenzielle Wahrheit finden.“
Nick Cave befreit seine Schmerzenssongs von ihrer Schwere
Dabei bedient sich Nick Cave trotz aller Konzentration auf Stimme, Klavier und Bass ein paar pompöser Tricks, die riesenhafte Reduktion ermöglichen: Seinen Toningenieur lässt er deutlich mehr Hall auf seine einschmeichelnd mit der Larmoyanz flirtende Stimme legen, als der meist trocken abgemischte Sänger auf seinen Alben wagt. Dazu stattet er in Baden-Baden seinen Bariton mit geradezu akrobatischem Vibrato aus: Sein „retuuurn“ in „Waiting For You“ gerät ihm zur ausgiebigen Berg-und-Tal-Wanderung, sein „youuuuu“ in „I Need You“ klingt wie eine endlose Pilgerreise durch hügeliges Terrain.
Kontrastierend zur stimmlichen Opulenz bläut Nick Cave vor 2200 Zuschauern im ausverkauftem Festspielhaus seinen morbiden Schmerzenssongs neues Leben ein, indem er zwischen den Liedern einiges unternimmt, um sie von ihrer Schwere zu befreien – wenn’s sein muss mit Stand-up-Comedy: Beim exzellenten ersten von zwei Auftritten am Donnerstagabend und an diesem Freitag, 5. September, in Baden-Baden, seinen einzigen Konzerten in Deutschland in diesem Jahr, lässt sich eine Zuschauerin zu einem Ruf in die Stille vor „Cinnamon Horses“ hinreißen: „I love you!“ Nick Cave antwortet entspannt: „I love you, too“ – und dass dies immer schön zu hören und toll sei. Ein Zuschauer fasst sich daraufhin ein Herz: „I love your music!“ Darauf Nick Cave: „I love your music, too!“
Er hat an diesem Abend einige Scherze in petto: Zu seinem Song „Balcony Man“ inszeniert er Publikumsbeteiligung mit sanfter Ironie: Die Zuschauer auf den Balkonen sollen jubeln, wann immer das Wort „balcony“ fällt. Viele machen oft mit. Dann stellt Nick Cave seinen Fans im Parkett Partizipation zu „The Mercy Seat“ in Aussicht: „Es läuft so – ich spiele ,The Mercy Seat‘, und ihr haltet die Klappe“, sagt er auf Englisch. Übersetzt klingt das zivilisierter als im Original.
Besonders in seinen mit selbstironischen Eigeninterpretationen getränkten Ansagen gelingt Nick Cave das Kunststück, Distanz zu seinem jüngeren Ich zu wahren, ohne sich von seinem Werk zu distanzieren: „Ein typischer dunkler Nick-Cave-Song der mittleren Schaffensperiode“ sei „O Children“, sagt Nick Cave, ehe er das Lied aus dem Jahr 2004 bewegend hingebungsvoll singt. Singend lässt der australische Songpoet im Festspielhaus trotz seiner guten Laune zweieinhalb Stunden lang keinen Zweifel daran aufkommen, dass ihm in seinen 40 Jahre umspannenden Liedern jedes Wort wertvoll und jeder Ton wahrhaftig geblieben ist, auch wenn er seine Textblätter nach jedem Lied lässig über die Schulter auf den Boden wirft. Die Exzesse des sich einen ganzen überwältigenden Abend lang freundlich interessiert präsentierenden Nick Cave finden im September 2025 in seiner Stimme statt: Er schwelgt in Baden-Baden, natürlich. Aber er säuselt auch, er raunt und croont und manchmal plärrt er auch, wenn seine Klavierbegleitung mal nicht perlt, sondern explodiert.
Nick Cave im Studio Foto: dpa/Megan Cullen
In „Papa Won’t Leave You, Henry“, zelebriert er einen solchen Ausbruch, bei dem das distinguierte Solo-Klavier-Setting dem Rock ‘n‘ Roll ungefähr so nahe kommt, wie Nick Cave im Song „Joy“ seine eigene artifizielle Anzug-und-Krawatte-Variante des Blues gelingt. Ausgerechnet in diesem Lied streicht Colin Greenwood einmal so keck über eine Bass-Saite, dass es klingt, als pfiffen pausierende Bauarbeiter einer Frau nach, die sie attraktiv finden.
Heutzutage sind diese Pfiffe unter der Bezeichnung Catcalling verpönt, und Colin Greenwood, der Bassist von Radiohead, versieht im Festspielhaus einen solide dienenden Fundamentbauer-Job, bis er in der vorletzten Zugabe, dem T. Rex-Song „Cosmic Dancer“, ein Solo spielt, das mit Transzendenz liebäugelt. Für die allerletzte Zugabe indes benötigt Nick Cave die Dienste seines Begleiters nicht. Da bekommt der Songwriter, der im Festspielhaus auf all seine Streicher verzichtet hat, der einen Abend lang Liebkosungen und Aggressionen von Gitarren und Schlagzeug entsagen musste, und der seine geliebten Chören mit eigener stimmlicher Brillanz ersetzt hat, zumindest die Vielstimmigkeit zurück: Das Publikum singt den Refrain von „Into My Arms“ mit, so sanft wie vom Künstler empfohlen. Es klingt wunderschön, es berührt, und Nick Cave wirkt danach Hände schüttelnd fast so glücklich wie seine Fans. Falls die essenzielle Wahrheit, die Nick Cave an diesem Abend zu finden trachtete, im Glück münden sollte, dann wäre seine Forschungsreise vollkommen geglückt.