Konzert in der Graffitihalle Wie ein junges Ensemble die alte Druckerei zum Beben bringt
Das Oratorium „Steel Hammer“ von Julia Wolfe begeisterte beim Podium Esslingen in der Graffitihalle von Bechtle das Publikum.
Das Oratorium „Steel Hammer“ von Julia Wolfe begeisterte beim Podium Esslingen in der Graffitihalle von Bechtle das Publikum.
Neue Musik kann aufregend und verstörend sein. Sie kann den Hörer aber auch durch Klangfarbenspiele, schroffe dynamische Wendungen und spannungsvolle Dramatik fesseln. All diese Komponenten vereint Julia Wolfe in ihrem Oratorium „Steel Hammer“, das im Jahr 2014 in Louisville im US-Bundesstaat Kentucky uraufgeführt wurde.
Zwar gibt es auch eine dramatisierte Bühnenfassung, doch das Podium Esslingen beschränkte sich auf eine rein instrumentale Umsetzung dieses Meilensteins der zeitaktuellen Musik. Einmal mehr gab die Graffitihalle der Druckerei Bechtle den passenden Rahmen: Die aufrüttelnde Musik der Legende um den schwarzen Bahnarbeiter John Henry entwickelte in der nüchternen Atmosphäre der Druckereihalle, in der seit Jahren alle Räder stillstehen, eine besondere Authentizität.
Im Zentrum des Oratoriums steht der Konflikt Mensch gegen Maschine. Julia Wolfe schöpft in „Steel Hammer“ aus lebendigen mündlichen Traditionen des indigenen Stamms der Apalachee, der im Nordosten der USA beheimatet ist. Auf diesem Stoff basierend flossen Texte von Julia Wolfe und den Dramatikern Will Power, Kia Corthron, Carl Hancock Rux und Regina Taylor ein in ein Libretto, das die Kosten harter Arbeit für den menschlichen Körper und die Seele eindrucksvoll illustriert.
John Henry, der Legende nach ein befreiter Sklave, der als „steel driving man“ beim Tunnelbau arbeitet, schlägt mit reiner Muskelkraft Löcher in den Felsen, um Sprengladungen zu platzieren. Doch dann kommen Maschinen, die schneller arbeiten. John Henry widersetzt sich und tritt in einem Wettkampf gegen die Maschine an. Zwar gewinnt er das Duell, doch der Sieg fordert seinen Tribut: Vor Erschöpfung bricht er zusammen und stirbt.
Ebenso packend wie die Geschichte ist Julia Wolfes Musik. In der Partitur zu dem 75-minütigen Oratorium zeichnet sie ein vielschichtiges Klangbild, in dem neben Techniken der Neuen Musik auch Einflüsse der Gregorianik und der Minimal-Music einfließen. Das mit den Sängerinnen Katariina Westhäußer-Kowalski, Linda Bennett und Marlene Frisch, Mélanie Vibrac (Klarinetten), Paul Ebert (Perkussion), Marius Schnurr (Gitarre), Liga Korne (Klavier), Mari Nagahara (Violoncello) und Anna Stelzner am Kontrabass hochkarätig besetzte Ensemble war ein guter Anwalt der aufrüttelnden Musik. Die a-cappella gesungenen Partien erklangen in bester Abstimmung, das Zusammenspiel war gut koordiniert, und am Mischpult sorgte Simon Heinze für den passenden Sound.
Ein unerbittlich vorwärtsdrängender Puls symbolisierte in „The States“ das Rattern der Maschinen. Body-Perkussion kam zum Einsatz, und als in „Destiny“ wilde Klangeruptionen die Graffitihalle erschütterten, war man froh, dass die Veranstalter vorab schützende Ohrstöpsel verteilt hatten. Wesentliches Gerüst der Aufführung waren die stets präsente Motorik, die gewaltigen Unterschiede in der Dynamik und monotone Wiederholungen, die für den Rhythmus der Arbeiter standen. Neben phonstarken Angriffen auf die Hörnerven standen meditative Klangflächen.