Konzert in Stuttgart Melissa Etheridge rockt in der Stuttgarter Liederhalle

Melissa Etheridge begeistert ihre Fans in der Stuttgarter Liederhalle. Foto: Ferdinando Iannone

Mit 64 Jahren rockt die Songwriterin aus den USA noch immer wild. In der Liederhalle kochte am Montagabend nicht nur die Luft. So war es beim Konzert in Stuttgart.

Zugaben spielt Melissa Etheridge nicht mehr. Sie bleibt da und spielt gleich jene beiden Stücke, mit denen sie jede Show beendet, auch die am Montagabend in der Liederhalle: „Bring Me Some Water“ dauert hier knapp neun Minuten, „Like the Way I do“ fast 14. Melissa Etheridge feiert ihre großen Hits auf furiose Weise. Sie entfesselt Stürme auf der Gitarre, sie springt zu ihrem Schlagzeuger und trommelt gemeinsam mit ihm. Ihre Band besteht aus Gitarre, Bass und Schlagzeug. Drei Männer stehen hinter ihr, sie beherrscht die Bühne.

 

Melissa Etheridge singt Lieder, die von Liebe handeln, und fast alle hat sie selbst geschrieben. Eine Ausnahme gibt es, am Montagabend: Mit ihrer Version von „Born Under a Bad Sign“ verbeugt sie sich vor dem Blues-Gitarristen Albert King. 2016 veröffentlichte sie mit „Memphis Rock and Soul“ ein Album, auf dem sich ausschließlich Coverversionen von Songs der amerikanischen Soul- und Blues-Hitschmiede Stax-Records befinden. Für Melissa Etheridge ist „Born Under a Bad Sign“ die Nummer, bei der sie lange und genüsslich ihre Gitarre den Blues singen lässt.

Die Funken fliegen immer noch

Die Liebeslieder, die Melissa Etheridge schreibt, haben indes alle eines gemein: Sie richten sich an Frauen. Spätestens seit sie sich 1993 öffentlich dazu bekannte, weiß man, dass Melissa Etheridge eine Frau ist, die Frauen liebt. Und, sofern ihre Musik davon Zeugnis ablegt, tut sie es mitunter ziemlich ungestüm. Da schlagen Hingabe, Lust und Eifersucht Funken, auch heute noch, wenige Wochen, nachdem die Sängerin ihren 64. Geburtstag feierte, Ende Mai. Sie geht umher auf der Bühne in schwarzem Leder, sie trägt einen schwarzen Cowboyhut mit breiter Krempe. Sie steht da, spreizt ein Bein ab und lässt ihre Gitarre im scharf treibenden Rhythmus ihres bekanntesten Songs knallen: Irgendein Teufel sitzt ihr immer noch in der Seele, und man darf annehmen, das gefällt ihr.

In der nicht gänzlich ausverkauften Liederhalle sieht man also viele Frauen, und viele von ihnen sind zu zweit gekommen. Man sieht auch andere Paare, und stellt fest: Wenn Melissa Etheridge die Gitarre anpackt, dann verlieren manchmal auch Männer ihre Fassung. Denn, immerhin: In den frühen 1990er Jahren, als das gerade mal nicht sehr angesagt war, brachte Melissa Etheridge den klassischen, souligen Rock-Sound zurück, mit ungeheurer Energie. Sie kommt aus Kansas, sie ist die ungebremste Rock-Frau mit der Reibeisenstimme, die wilde Romantikerin mit der Gitarre, und sie kann spielen. Sie reißt ihr Publikum mit.

Zahlreiche Balladen im Programm

Ganz zu Beginn ihres Konzertes erzählt Melissa Etheridge ihren Fans in der Liederhalle, wie sie die 1980er Jahre verbrachte: Die meiste Zeit über hielt sie sich in Frauen-Bars auf – um dort zu arbeiten, Musik zu spielen. Fünf Nächte jede Woche. Und sie traf eine Frau. Und sie hatten Spaß. Eines Tages aber kam die Frau daher und sagte: „Du bist mir zu kompliziert.“ Und weg war sie.

Melissa Etheridge gibt gerne zu, kompliziert zu sein. „It broke my heart for a couple of days“, sagt sie – „Es brach mein Herz für ein paar Tage.“ Aber sie nahm Rache, wie nur Musikerinnen sie nehmen können: „I wrote a song that will haunt her for the rest of her life“ – „Ich schrieb einen Song, der sie den Rest ihres Lebens heimsuchen wird.“ Sie erzählt die Geschichte mit rauer, cooler Stimme und freut sich sehr, als ihre Fans laut lachen. „You Used to Love to Dance“, so heißt das Stück von 1989, eine Ballade. Balladen finden sich doch viele im Programm von Melissa Etheridge. Irgendwann entschuldigt sie sich fast dafür: Sie hat auch eine sanfte raue Seite, offensichtlich.

„Schickt uns viel Liebe“

„I’m the Only One“ von 1993 ist keine Ballade, sondern ein Dampfzug, ein wuchtiges Riff, in dem sich ihre Stimme überschlägt. Ausgerechnet dieses Stück schrieb Melissa Etheridge auf einer deutschen Autobahn. Bei ihm lässt sie auch ihre Blues Harp aufheulen. Von ihrer Heimat, von den USA, spricht sie nur einmal, an diesem Abend, und es ist eine Bitte: „Send us much love“, sagt Melissa Etheridge. „Schickt uns viel Liebe.“ Sie wird gebraucht.

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