Konzert in der Liederhalle Natürliche Klänge am Klavier

Seong Jin Cho Foto: Harald Hoffmann

SKS Klassik: Seong Jin Cho hat in der Liederhalle gezeigt, warum er zu den Führenden seiner Zunft zählt.

Wie komponiert man Natur? In „Les jeux d’eau à la Villa d’Este“ aus dem Zyklus „Années de pèlerinage“ beschwört Franz Liszt eine hochgradig stilisierte Form von Naturphänomenen: das Rauschen und Plätschern der Brunnen und Fontänen nämlich, wie er sie als Gast in der Villa d’Este im italienischen Tivoli kennengelernt hat. Hochgradig artifiziell ist diese Musik mit ihren glitzernden Arpeggien und wabernden Tremoloflächen, in die Liszt eine sakrale Melodie samt Bibelzitat eingewoben hat. Wo Virtuosität und Spiritualität in derart enger Korrelation stehen, braucht es einen mit allen technischen Wassern gewaschenen Poeten am Klavier – wie Seong Jin Cho. Der Südkoreaner hat bei SKS Klassik im Beethovensaal gezeigt, warum er zu den führenden Vertretern seiner Zunft zu zählen ist. Feiner nuanciert kann man Liszts Musik kaum spielen, und das gilt auch für Beethovens Sonate Nr. 15 D-Dur, die sogenannte „Pastorale“. Natur vermittelt sich hier in einer entspannt bukolischen, nur durch wenige dramatische Momente getrübten Erzählhaltung, die Cho in ihrer subtilen Vielschichtigkeit kongenial darstellt.

 

Zeigte sich die kompositorische Verarbeitung von Natur bis dahin eher in ihren angenehmen Erscheinungsformen, so offenbaren sich in Béla Bartóks Zyklus „Im Freien“ danach auch deren bedrohliche Aspekte. Man wähnt sich in einem akustischen Schauerroman, wenn da gleich im ersten Satz „Mit Trommeln und Pfeifen“ die Akkorderuptionen in tiefster Lage wie Donnerschläge in die Gehörgänge fahren. Das ist alles andere als gemütlich, ja, ein existenzielles Unbehaustsein macht sich breit, das in den entmaterialisierten „Klängen der Nacht“ etwas Linderung erfährt, ehe man prestissimo durch die finale Hetzjagd gepeitscht wird.

In diesem Werk wird deutlich, in welchem Maße sich Cho entwickelt hat. Zu seiner Sensibilität und Perfektion ist nun eine Unbedingtheit des Ausdruckswillens getreten, die auch vor Extremen nicht zurückschreckt. Cho kann Grenzen sprengen, wenn die Musik es fordert, und das tut er auch in Brahms’ 3. Klaviersonate f-Moll, deren romantischen Überschwang und heroische Kraftgesten er in fast soghafter Radikalität ausspielt. Natur? Gibt es auch hier – im Andante, dem Brahms ein Gedicht über eine Romanze im Mondschein vorangestellt hat. Als Protagonisten sah er sich darin selber – mit seiner geliebten Clara Schumann.

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