Konzert in der Liederhalle Präzision statt Pathos
Internationale Preisträger haben in der Stuttgarter Liederhalle mit dem SWR Symphonieorchester musiziert.
Internationale Preisträger haben in der Stuttgarter Liederhalle mit dem SWR Symphonieorchester musiziert.
Tonleiterausschnitte in verschiedenen harmonischen Kontexten, die in eine große Steigerung münden – aus viel mehr besteht Samuel Barbers „Adagio for strings“ eigentlich nicht. Dass es dennoch zu den ergreifendsten Werken des Repertoires zählt, liegt aber gerade an der Struktur des knapp zehnminütigen Stücks: Transzendenz ergibt sich, ähnlich wie bei Choralsätzen, aus der Schlichtheit. Dementsprechend trägt subjektiver Ausdruckswille nicht unbedingt zur Wirkung bei, und möglicherweise lag es daran, dass das zum Auftakt gespielte Werk beim Konzert des SWR Symphonieorchesters in der Reihe „Faszination Klassik“ der SKS Russ unter der Leitung von Gemma New etwas blass blieb.
Dabei ist die Neuseeländerin eine eminent begabte Dirigentin. Beeindruckend, mit welch körperlicher Präsenz und präziser Zeichengebung sie hernach das Orchester durch die mit Akzenten, Tempowechseln und reichlich Synkopen angereicherten Untiefen von Astor Piazzollas Konzert für Bandoneon und Orchester „Aconcagua“ steuerte. Solist war bei dem Konzertabend, zu dem man internationale Preisträger geladen hatte, der Akkordeonist Radu Ratoi – ein echter Performer, den das Publikum am Ende mit Ovationen feierte. Dass das Akkordeon nicht über den Sehnsuchtsklang des Bandoneons verfügt, war angesichts der Intensität, mit dem Ratoi die tangotypische Melange zwischen Leidenschaft und Melancholie auslotete, verschmerzbar.
Ratoi, das bewies er mit einer irrwitzigen Zugabe, ist auf seinem Instrument ein mit allen Wassern gewaschener Virtuose – ebenso wie nach der Pause Hana Chang, die Solistin in Sergej Prokofjews Violinkonzert Nr. 2 g-Moll. Grandios, wie die zierliche Amerikanerin die lyrischen und motorischen Elemente in dem technisch anspruchsvollen Werk in Balance hielt. Messerscharf intonierend, zupackend exakt und mit viel Gespür für die rhythmischen Bissigkeiten in den Ecksätzen, aber auch mit irisierend leuchtendem Ton in den kantablen Linien des Andantes.
Vorbildlich war das Zusammenspiel mit dem formidabel disponierten Orchester, das Gemma New auch in der abschließenden ersten Sinfonie Prokofjews an der kurzen Leine hielt. Es braucht technische Präzision, rhythmische Verve und klangliche Transparenz, damit Prokofjews Hommage an klassische Vorbilder ihre Wirkung entfaltet.