Konzert in der Liederhalle Vielfalt contra Monument
Das Stuttgarter Staatsorchester kontrastiert im Beethovensaal Bruckners Achte mit Boulez’ „Notations“.
Das Stuttgarter Staatsorchester kontrastiert im Beethovensaal Bruckners Achte mit Boulez’ „Notations“.
Bruckners Achte Sinfonie wird geliebt. Spürbar am großen Publikumsandrang am Sonntag im Beethovensaal, wo das Stuttgarter Staatsorchester sein zweites Abo-Konzert spielte. Bruckners Achte: mit 85 Minuten seine längste, aufwendigste Sinfonie, riesig besetzt, jeweils dreifach die Blasinstrumente und die Harfen, gleich achtfach die Hörner, der Streicherapparat agiert auf dem Fundament von acht Kontrabässen.
Pierre Boulez’ „Notations“, vorweg gespielt, sind auch groß besetzt. Aber was für ein Kontrast. Das genaue Gegenteil von Bruckners Klangmonument: Klänge der Vielfalt, das Orchester stets feinst aufgefächert, alles komprimiert, pure, eruptive Energie statt existenzielle Durchbrüche, Stillstände und Abstürze. Der Ursprung der „Notations“ für Orchester liegt in zwölf kahlen, monochromen, pointierten Klavierstücken von 1945, die Boulez – zu Lebzeiten gerne als „Sprengmeister der Moderne“ bezeichnet – sich dann Jahrzehnte später noch einmal vorgenommen hat. Er überführte fünf von ihnen in die pralle Welt der Orchesterfarben inklusive umfangreicher Perkussion. Die Klänge dehnen sich nun, wuchern, werden verschleiert. Diese geheimnisvolle Aura des Glitzerns, Schimmerns, Fluoreszierens hörbar zu machen, gelang dem Staatsorchester in der Leitung seines Chefdirigenten Cornelius Meister ganz trefflich. Zur alles bündelnden Energie indes, die Boulez’ Miniaturen vorwärtstreibt, fühlten sich die größtenteils sehr entspannt agierenden Orchestermitglieder aber nicht unbedingt verpflichtet. Wille und Wollen des Komponisten und vielleicht auch des Dirigenten blieben im Ungefähren.
Das Anspruchsvolle an Anton Bruckners Achten ist natürlich der riesige Spannungsbogen sinfonischer Logik. Harte Arbeit! Meister, ohne Partitur dirigierend, gelang es durchaus, ihn straff zu halten. Im Detail aber zeigte sich immer wieder die auch äußerlich sichtbare gechillte Haltung des Orchesters, die nicht dann zum Problem wurde, wenn es dramatisch wurde, sondern merkwürdigerweise genau beim Gegenteil: etwa, wenn das sinfonische Ich im ersten Satz von der Erinnerungsidylle, von Aufgewühltheit und Todesangst in die Ermüdung und innere Leere gleitet, was sich in energielos sich im Hamsterrad rotierenden Motivwiederholungen zeigt. Solcherart musikalische Stillstände wollten sich in den übergeordneten Spannungsbogen nicht immer ganz integrieren. Wie auch das ersterbende Ende des Kopfsatzes viel zu sehr in der Realität verblieb. Richtig gut spielte das Staatsorchester aber den etwa halbstündigen Adagio-Satz: jetzt endlich allseits aufs Wesentliche fokussiert und mit großer Hingabe an den immer wieder sich schmerzlich verdichtenden melodischen Fluss – mit vielen wunderschön gespielten Soli. Dass der große Bogen insgesamt funktionierte zeigte dann auch die Wirkung des pointiert komponierten Sinfonieschlussakkords: Tatsächlich wartete das Publikum einige Sekunden, bevor es seine euphorisch-applaudierende Zustimmung kundtat. Ein gutes Zeichen.