Konzert in der Manufaktur So war’s bei Art Brut in Schorndorf
Der englische Sprechsänger Eddie Argos hat mit seiner Band Art Brut sein Publikum in der Schorndorfer Manufaktur unterhalten – und zugleich vorgeführt, was große Popstars ausmacht.
Der englische Sprechsänger Eddie Argos hat mit seiner Band Art Brut sein Publikum in der Schorndorfer Manufaktur unterhalten – und zugleich vorgeführt, was große Popstars ausmacht.
Eddie Argos hat eine dadaistische Ader und kommt oft satirisch auf den Punkt. Wie wird sein Date reagieren, wenn er einen Kuss unterbricht, um einen geliebten Popsong lauter zu drehen? Darum geht es in „Pump Up The Volume“, dem Eröffnungsstück der Punk-infizierten Brit-Rock-Band Art Brut am Donnerstag in der Schorndorfer Manufaktur. Deren Stil ist nicht leicht zu fassen, und davon handelt „Bad Weekend“: Weil er die Musikpresse so lange nicht gelesen habe, wisse er nicht mehr, welchem Genre Art Brut angehörten, erklärt Argos, und schließt daraus: „Popular culture no longer applies to me.“ - „Die Populärkultur gilt nicht mehr für mich.“ Der Sprechsänger deklamiert seine knappen Verse am liebsten mit dezidiert südenglischem Akzent, nur selten singt er im eigentlichen Sinn. Er sticht als Original heraus im britischen Popzirkus und könnte als Figur aus einer Komödie von Oscar Wilde durchgehen – inklusive der dafür notwendigen melancholischen Erdung.
Gleich mehrfach beschwert Eddie Argos sich, das Publikum, besonders das deutsche, habe ihn gezwungen, die ursprünglich sehr kurzen Songs von Art Brut zu strecken, damit die Konzerte nicht schon nach einer Stunde vorüber sind – das fabelhafte Debütalbum „Bang Bang Rock & Roll“ (2005) war nur 30 Minuten lang. Daraus stammt „Modern Art“, ein Stück mit einer köstlichen Botschaft: „Modern Art makes me want to rock out!“. Der Zweieinhalbminüter wird hier zur Viertelstunde. Während die Band gedämpft weiterspielt, verlässt Argos die Bühne, geht in die Hocke, was die Umstehenden ihm gleichtun. Derart umringt erzählt er von seinen begrenzten Erfahrungen mit Bildender Kunst und davon, wie er im Museum an Gemälden von van Gogh geleckt und deshalb Ärger bekommen habe.
Überhaupt erklärt er sich gern. „Emily Kane“ sei eine wahre Geschichte, sagt Argos über seine bislang erfolgreichste Liebeskummer-Hymne, die viele als Satire missverstanden. Tatsächlich sei die ehemalige Geliebte aufgrund des Songs zurück in seinem Leben: „Ich kenne kein besseres Beispiel für die Macht des Rock’n’Roll!“, ruft er. Seine Begleitmusiker an diesem Abend – darunter die Original-Bassistin Freddy Feedback – interpretieren die eingängigen Rocksongs kompetent, aber eher routiniert als feurig. Der Funke springt vor allem intellektuell über, das Publikum fühlt sich gut unterhalten und applaudiert; es zeigt wenig Drang, sich in Bewegung oder in Wallung bringen zu lassen.
Ein wenig mag das auch an Argos’ Anflügen von Lamento liegen: Es reiche nicht für „wirklichen Erfolg“ , erklärt er den 250 Menschen, die an diesem Abend Eintritt bezahlt haben – worüber die meisten Bands sehr froh wären. Beim dreimaligen Seilhüpfen mit dem Mikrofonkabel gerät der gut Genährte außer Atem, und ab der Hälfte des Konzerts klingt seine Stimme ein wenig heiser; Profis wie Mick Jagger absolvieren vor Tourneen ein monatelanges Fitness-Training. So wird der Auftritt dieses originellen Typen zum Anschauungsunterricht. „Nicht viele haben die Persönlichkeit, ein großer Popstar zu werden“, sagt Sting in der Musikdoku „20 Feet from Stardom“. Das klingt fürchterlich arrogant – stimmt aber wahrscheinlich.