Ein Selbstbefreiungsdrama in fünf Akten
Wir befinden uns im dritten Akt von Shirin Davids „Schlau aber blond“-Show in der Stuttgarter Schleyerhalle. Und während sie Songs wie „Heidi“, „Lächel Doch Mal“, „Gib ihm“, „it girl“ oder (gleich zweimal) „bauch beine po“ singt, Hip-Hop, R’n’B und Schlager durcheinander bringt, und man sich auf seinem Stehplatz zwischen all den Hardcore-Fans heimlich Notizen macht, darf man sich als Kulturjournalist ausnahmsweise wie ein richtiger Investigativ-Reporter fühlen. Danke dafür, Shirin David! Denn die Frau, die sich gerne als das Postergirl des neuen Deutschrap-Feminismus inszeniert, will eigentlich nicht, dass irgendwer außer ihrer Fans im Publikum ist. „Für die gesamte Tour wurde keine Presse akkreditiert, dies gilt für alle Tourstädte“, hatte am Donnerstag der Veranstalter des Konzerts in Stuttgart dem Berichterstatter dieser Zeitung geschrieben: „Wir müssen dir deshalb für morgen leider absagen, tut mir sehr leid!“
Üblicherweise werden Medienvertreter, die über Konzerte berichten, vom Veranstalter akkreditiert. In der Schleyerhalle und der Porsche-Arena gibt es für sie spezielle Arbeitsplätze, damit sie noch während des Events ihre Texte schreiben können. Shirin Davids Management hat aber offensichtlich kein Interesse an einer unabhängigen Berichterstattung – wie bei den anderen Stationen der „Schlau aber blond“-Tour auch nicht beim Finale am Freitagabend in Stuttgart. Weil aber niemand (nicht einmal Shirin David) uns verbieten kann, ein Ticket für ihre Show zu kaufen (und es einen Tag vor dem Konzert immer noch Eintrittskarten gibt), kann dieser Text trotzdem erscheinen.
Fotografieren verboten
Anders ist das mit Fotos von dem Konzert: Wer sich schon einmal die Mühe gemacht hat, das Kleingedruckte auf Konzerttickets zu lesen, weiß, dass da der Satz steht „Audio-/Videoaufzeichnungen sowie Fotografieren der Veranstaltung sind nicht gestattet.“ Zwar tolerieren fast alle Künstlerinnen und Künstler, dass ihre Fans während des ganzen Auftritts pausenlos ihre Mobiltelefone in Richtung Bühne halten, um Fotos und Videos zu machen, doch genau genommen ist das verboten. Nur wer eine spezielle Fotoerlaubnis hat, darf bei einem Konzert Aufnahmen machen und diese veröffentlichen. Weil uns Shirin Davids Management auch das nicht erlaubt hat, gibt es hier keine Bilder vom Konzert in der nicht ganz vollen Stuttgarter Schleyerhalle.
Und dort macht sich der Reporter dieser Zeitung schon bei der Einlasskontrolle verdächtig: „Sind Sie allein?“, fragt die Frau von der Security, schaut skeptisch und holt lieber noch einen Kollegen dazu, der einen ein zweites Mal kontrolliert. Sicher ist sicher.
Zwischen Festzelt-Rap und Schlagerkitsch
Doch dieses Gefühl des Beinahe-Ertapptwerdens wird dann das aufregendste Erlebnis des Abends bleiben. Zwar verdient sich die Show ein paar Extrapunkte, weil sie in fünf Akte unterteilt ist, und tatsächlich raffiniert der klassischen Dramenstruktur folgt, die man von Shakespeares „Romeo und Julia“ oder Schillers „Kabale und Liebe“ kennt – Katharsis inklusive. Doch ansonsten erweist sich die knapp zweistündige Show als Halbplaybackshow, bei der jeder Song ganz genauso klingt, wie man ihn kennt, weil er vom Band eingespielt wird.
Shirin David, die vor wenigen Tagen 30 geworden ist, macht aus der Show lieber einen exzentrischen Kostümball, ist mal strenge Business-Frau, mal verträumte Prinzessin, gibt sich mal niedlich im Babydoll, mal wild im getigerten Body, umgibt sich auf der leeren Bühnen mit ihren Tänzerinnen und Tänzern, und wird nur hin und wieder von zwei Backgroundsängerinnen unterstützt. Meistens kommen auch die Stimmen ihrer Gastsänger – etwa die von Ski Aggu bei „atzen & barbies“ – vom Band.
Das ist schade, weil sich der Auftritt so nie wie ein Konzert anfühlt, obwohl sich zwischen den Songs, bei denen sie in Richtung Festzelt-Rap („grwm“, „iconic“) oder in Schlagerkitsch („Unsichtbar“, „Fliegst Du mit“) abrutscht, richtig gute Nummern verstecken, zum Beispiel, der heftig zuckende R’n’B-Track „Lieben wir“.
Wichtige Botschaften
Die Inszenierung der Marke Shirin David steht an diesem Abend im Vordergrund, die Lieder, die sie singt, werden fast zur Nebensache. Und vielleicht ist tatsächlich das, für das sie steht, wichtiger als die musikalische Verpackung. Frauen, wie Shirin David, die sich von alten weißen Männern wie Thomas Gottschalk nicht einschüchtern lassen, die mit immer neuen „Keiner sagt mir, was ich darf“-Botschaften zum Vorbild junger Frauen werden, und die während ihres Auftritts Sachen sagen wie „Das Wichtigste für eine Frau ist, finanziell unabhängig zu sein“, kann es gar nicht genug geben. Jetzt sollte sie nur noch ihre Haltung gegenüber der Presse überdenken.
Shirin David: Setlist in Stuttgart
- Erster Akt
- grwm
- iconic
- bauch beine po
- Heidi
- atzen & barbies
- Zweiter Akt
- it girl
- küss mich doch
- schlau aber blond
- hass dich
- Brillis
- Gift
- ON OFF
- Dritter Akt
- fsk16
- 90-60-111
- Be a Hoe/Break a Hoe
- Lächel Doch Mal
- Man’s World
- Vierter Akt
- Unsichtbar
- Gibt es dich?
- Fliegst du mit?
- Nur mit dir
- Wer Mit Dir Jetzt
- Fünfter Akt
- Babsi Bars
- Ich darf das
- Gib ihm
- Lieben wir
- Du liebst mich nicht
- Zugabe:
- bauch beine po