Konzert in der Schleyerhalle Metallica bekämpft Feuer mit Feuer

Von Thomas Morawitzky 

Metallica haben vor 15 000 Fans in der Schleyerhalle das erste von zwei Stuttgarter Konzerten gespielt: Alte Freunde und harte Gitarren in bester Form – besser geht’s wohl nicht. Und deutsche Schlager spielen können sie übrigens auch...

Es geht immer noch ein bisschen lauter: James Hetfield (l.) und Robert Trujillo Foto: Lichtgut/Kovalenko 11 Bilder
Es geht immer noch ein bisschen lauter: James Hetfield (l.) und Robert Trujillo Foto: Lichtgut/Kovalenko

Stuttgart - Es ist ein kurioser Moment inmitten all der Momente, die gefüllt sind mit brutalen Riffs, mit Gitarren, die grelle Leuchtspuren durch die Hörgänge ziehen, mit Bass und Schlagzeug, die pausenlos dicht den ganzen Körper massieren: Kirk Hammett spielt ein sehr simples und leises, bescheiden lapidares, ­albernes Motiv auf der Gitarre, seltsam ­vertraut klingt das zuerst – und dann singen Metallica auf Deutsch, gut gelaunt und ­ungelenk, und die Schleyerhalle singt mit ihnen: „Marmor, Stein und Eisen bricht.“

Es ist nicht nur ein Zitat – die US-Band, die am Samstagabend mehr als zwei Stunden lang die Stuttgarter Halle beben lässt, bringt diese kleine deutsche Schlagereinlage in voller Länge, mit allen Strophen, im ­zurückgenommenen, quasi-dilettantischen Sound, gerade so als säße sie mit 15 000 Menschen am Lagerfeuer. Metallica und ihre Fans sind eine große Familie, das ist keine Frage. Am Samstag feiern sie das lauteste Fest der Stadt und liefern ihren Freunden auch das, was Drafi Deutscher nicht konnte: den großen bösen Ernst, das Pathos, das die Ohren klingeln lässt, eine Show, die härter, perfekter, gnadenloser ist als jede andere. „We came here to kick some ass with some good old friends“, knurrt Hetfield früh am Abend in die Halle – auf Deutsch heißt das etwa: Wir sind hierhergekommen, um Spaß zu haben. Auf eine ganz besondere Weise.

Die Musik dringt in die letzte Ritze

Mehr als 36 Jahre sind vergangen, seitdem Metallica sich gründeten, mehr als 25 Jahre seit ihren besten Alben, als sie auf der Höhe ihres Erfolges waren. Eher mediokren Einspielungen und einem gescheiterten Kunstversuch an der Seite Lou Reeds zum Trotz: Die Fans sind ihnen treu geblieben, und sie wissen, weshalb. Auf der Bühne ist diese Band so groß wie eh und je, und mit ihrem aktuellen Album „Hardwired . . . to self-destruct“, erschienen im November 2016, feiern Metallica Verjüngung, finden sie zur besten Form zurück. Am Samstag schlägt es 21 Uhr, ehe Ennio Morricones berühmtes Italo­western-Thema aus den Lautsprechern dringt, der Auftakt zu jeder Metallica-Show – die Band betritt die Bühne, die Menschenmassen jubeln, und zwei Stücke des neuen Albums kommen, ehe James Hetfield, Kirk Hammett, Robert Trujillo und Lars Ulrich zurückgehen, ganz an den Anfang, mit „Seek & destroy“. Ihre Musik drückt mit atemberaubender Gewalt in die letzte Ritze der Hanns-Martin-Schleyer-Halle – und die Fans toben rund um die Bühne, die in der Mitte der Halle liegt.

Ein Quadrat ist diese Bühne, schlicht, ganz schmucklos, nur mit einem flachen Podest für das Schlagzeug ausgestattet. Es bleibt viel Platz für Hetfield, Hammett, Trujillo, hin und her zu gehen auf der freien Fläche. Die Winkel des Quadrates weisen auf die Hallenwände, die Fans umlagern es als ein gewaltiges Ornament. So spartanisch, kraftvoll, roh und reißend es drunten zugeht, so schillernd tanzen Licht und Bilder über der Bühne, über der Menge. Metallica sind gekommen mit einer fantastisch effektvollen Lightshow – Farben von klarer, harter Intensität füllen die Halle, umhüllen die Bühne, öffnen sich kreisförmig über den Köpfen des Publikum, zucken blitzartig umher. ­Dazu eine Konstruktion unzähliger unverbundener Würfel, die sich über der Bühne heben, senken, die manchmal weit hinabgleiten und als schwebendes Massiv über der Band hängen, sich dann fast ganz zurückziehen. Immer werden sie bespielt mit vielen Bildern, zerrissen, fragmentiert, gestaffelt zu einem dreidimensionalen Puzzle, eine ­visuelle Skulptur inmitten der Luft.

Eine wilde, rhythmische Totenbeschwörung

Die Gesichter der Metallica-Musiker, im Gleißen miteinander verschmolzen, tauchen dort auf; in tiefes Blau getauchte Hochhausfassaden lassen die Würfelwolke zu einer nächtlichen Stadt werden. Schlangen, Zeichnungen, Cartoons, Erinnerungsbilder aus dem Metallica-Album oder Bilder aus dem Krieg, Bilder von Soldaten, ihren Frauen kommen als hartes leuchtendes verwinkeltes Mosaik, dann scheinen abstrakte Muster, dann die Neonreklame der nächtlichen Metropole. Und wieder schließt und öffnet sich ein Kreis aus Licht pulsierend über den Köpfen, zieht sich, weitet sich über der Bühne, auf der die Musik tobt.

Die großen, frühen Metallica-Alben haben sämtlich ihren Auftritt bei diesem Konzert, die späteren, schwächeren nicht: Die Band konzentriert sich ganz auf ihre Stärken. Lars Ulrich schlägt in einem unvorstellbar trockenen Furor auf sein Instrument ein, Robert Trujillo schickt Wände tiefen Klangs hinaus, lässt finstere Druckwellen aufsteigen hinter den grellen Gitarren, auch Kirk Hammett spielt ein knappes Solo – sonst bleiben Metallica ganz die harte, geschlossene Gruppe. Einmal tauchen große Quader aus dem Bühnenboden auf, alle Bandmitglieder werden auf ihnen zu Trommlern - „Now that we’re dead“ gerät zur wilden rhythmischen Totenbeschwörung.

Nachtruhe wird es hier wohl nicht so schnell geben

Genau zwei Stunden nachdem sie ihre Bühne betreten haben, verlassen James Hetfield, Kirk Hammett, Robert Trujillo und Lars Ulrich sie wieder. Mit „Master of Puppets“ haben sie sich verabschiedet; Hetfields höhnisches, kehlig-böses Lachen liegt noch in der Luft. Aber es ist längst nicht alles gesagt, gesungen, gespielt an diesem Abend. Bald schon ist die Band wieder da, beginnt die Zugabe mit der schieren Aggression von „Fight Fire with Fire“, einem Stück ihres zweiten Albums „Ride the Lightning“ von 1984. Dann ist die Stunde der großen Klassiker gekommen, die sich auf dem schwarzen Album finden, das sieben Jahre später erschien. Zuerst die Ballade „Nothing else matters“, und auf den Bildwürfeln droben zeigt James Hetfield klar, deutlich und ruhig sein Plektron. „Stuttgart“ steht darauf – ein Ritual.

Aber Metallica sind keine Band, die einfach geht. Das letzte Stück des Abends ist gespielt – „exit, light, enter, night“, hat die Schleyerhalle vielstimmig gesungen, Dunkelheit hat die Bühne nun eingeschlossen, wurde abgelöst von der Saalbeleuchtung. Doch Hetfield, Hammett, Trujillo und Ulrich sind noch da. Lange. Sie gehen umher, werfen Geschenke in das Publikum, sie winken ihren Fans zu, geben ihnen Zeichen. Und so geschlossen wie beim Refrain fordern die Tausenden in der Halle eine Zugabe, immer wieder. Sie bekommen sie nicht, nur das Versprechen auf künftige Konzerte. Längst geht es auf Mitternacht zu, aber bis zur Ruhe wird es gewiss noch eine Weile dauern: Die Energie von Metallica hallt lange nach.