Konzert in der Schleyerhalle Sexprotz, Lustgreis, Berserker: So war’s bei Till Lindemann in Stuttgart

Till Lindemann hat am Dienstag in Stuttgart sein letztes Deutschlandkonzert im Rahmen der „Meine Welt“-Tour gegeben. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Rammstein-Frontmann Till Lindemann ist im Rahmen seiner Solotour „Meine Welt“ vor 10.000 Fans in Stuttgart auftreten: Bilder, Setlist und Kritik der Show in der Schleyerhalle.

Freizeit & Unterhaltung : Gunther Reinhardt (gun)

Umgeben von pulsierenden Bässen, dumpf hämmernden Beats, metallischen Gitarren und einer Kirchenorgel verwandeln sich headbangende Nonnen in Stripperinnen, eine sehr dicke Frau tanzt über die Videoleinwand, und Till Lindemann mimt den Fettleibigkeits-Fetischisten; „Your holes are hard/So hard to find/It doesn’t matter/I’ll fuck you, fuck you from behind!“, droht er in dem Song „Fat“, mit dem der Rammstein-Frontmann am Dienstag seine Soloshow vor 10.000 Fans in der Schleyerhalle eröffnet.

 

Songs über Körperöffnungen und Körperflüssigkeiten

Willkommen in der Welt Till Lindemanns, in der es in den nächsten 95 Minuten noch sehr viel mehr Lieder über Körperöffnungen und Körperflüssigkeiten geben wird. Die Songs heißen „Schweiß“, „Blut“ oder zum Beispiel „Golden Shower“, bei dem man dann auch einer Frau auf der Videoleinwand beim Pinkeln zuschauen darf. Es gibt Hymnen auf käuflichen Sex („Prostitution“) oder Drogen („Skills in Pills“), mal werden Torten ins Publikum geschleudert („Allesfresser“), mal Forellen („Fish On“), und die letzte Zugabe des Abends heißt „Ich hasse Kinder“.

Der 62-Jährige wird bei dieser Tour von einer Band begleitet, die wie er ganz in Latex, Lack und Leder gekleidet ist. Außerdem sind zwei Tänzerinnen dabei, die vor allem dann im Einsatz sind, wenn gerade mal nicht auf der Videoleinwand pornografische Filmchen abgespielt werden. Zwar gibt es auch eine Flamenco-Einlage („Tanzlehrerin“), meistens wird Lindemanns sonorer Sprechgesang aber von Metal-Gitarren und elektronischen Beats umhüllt – also genau von dem Industrial-Sound, den man auch von Rammstein kennt. Allerdings sucht man in Lindemanns Solomaterial vergeblich Stücke, die mit „Mein Herz brennt“, „Du hast“ oder „Sonne“ mithalten könnten. Und die Show ist dann doch ein paar Nummern kleiner als die der Band, bei der er seit 31 Jahren singt.

Böhse Onkelz, Xavier Naidoo, Till Lindemann

Es häufen sich derzeit Konzerte, bei denen es einem schwerfällt, neutral zu bleiben. Und das hat nichts mit musikalischen Geschmacksfragen zu tun. Da wären zum Beispiel die Böhsen Onkelz, die früher Songs wie „Türken raus“ und „Deutschland den Deutschen“ gesungen haben, dies aber inzwischen als jugendliche Provokationen verstanden wissen möchten, in ihrer Selbstwahrnehmung und der ihrer Fans eine ganz normale Deutschrockband sind – und vor kurzem zweimal die Schleyerhalle gefüllt haben. Oder da ist Xavier Naidoo, der sich als Coronaleugner und Verschwörungserzähler hervortat, mit antisemitischen und rassistischen Äußerungen auffiel und mit den sogenannten Reichsbürgern auftrat, sich dann aber von all dem öffentlich distanzierte und der am 26. Januar in der Schleyerhalle sein Comeback feiern will. Und dann ist da noch Till Lindemann.

Sexprotz, Lustgreis, Berserker

Gegen Lindemann wurden vor zweieinhalb Jahren schwere Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs von Fans erhoben. Ein Strafverfahren ist inzwischen wegen mangelnder Beweise eingestellt worden. Allerdings wurde offensichtlich, dass Lindemann das Vertrauen seiner Fans ausgenutzt hat, indem er zum Beispiel ein institutionalisiertes Groupie-Casting-System bei den Rammstein-Shows einführte.

Selbst wenn man zuvor Rammstein-Fan war, fällt es seither schwer, die große Till-Lindemann-Show unbefangen anzuschauen. Denn bevor bekannt wurde, was Backstage bei den Konzerten so alles passiert, glaubte man, dass Lindemann sich auf der Bühne in eine Kunstfigur verwandelt, dass diese Mischung aus Sexprotz, Berserker und Lustgreis, die Lindemann da verkörpert, nur eine theatralische Pose ist, um einen größtmöglichen Effekt zu erzeugen. Inzwischen ist man sich nicht so sicher, ob es zwischen der Bühnenfigur und Till Lindemann überhaupt einen Unterschied gibt.

„Kill Till“: Till Lindemann als Opfer

Der Skandal und die Kontroverse scheinen ihn kein bisschen aus dem Konzept gebracht zu haben, fordern ihn sogar zu neuen Provokationen heraus: Auf der großen Leinwand, die vor dem Konzert die Bühne verdeckt, steht in riesigen kyrillischen Buchstaben „Kill Till“ – Lindemann inszeniert sich so als Opfer einer Hetzkampagne.

Am Dienstagabend in Stuttgart hat er keinen Rammstein-Song im Programm, spielt Lieder, die er zusammen mit dem Schweden Peter Tägtgren unter dem Bandnamen Lindemann veröffentlicht hat, sowie Songs, die auf seinem Soloalbum „Zunge“ erschienen sind. Bei der Show in der Schleyerhalle tut er so, als ob nichts gewesen wäre, liebt die obszöne Provokation, verquirlt in seinen Songs pornografische Gewaltfantasien und Erniedrigungsszenarien, stellt seine Verderbtheit aus, orchestriert mal den eigenen Verfall („Altes Fleisch“), mal Allmachtsfantasien: „Alle Frauen, alles meins/Alles dreht sich nur um mich“, heißt es etwa in der Nummer „Platz eins“, bei der er sich in einer riesigen, in den Farben des Regenbogens schimmernden Ein-Mann-Party-Seifenblase durch die Halle schieben lässt, während seine Band sich in eine Funkcombo verwandelt.

Groteske Satire des Rammstein-Frontmanns

Die Show ist brachial, pornografisch, geschmacklos, übertreibt dabei immer wieder grotesk. Ist das Satire? Wenn man nicht wüsste, dass Lindemann vieles, was er da auf der Bühne zelebriert, auch in der Wirklichkeit auslebt, könnte man die „Meine Welt“-Show als eine großartige Parodie auf Männlichkeitsfantasien, eklige Machtspiele und sexuelle Unersättlichkeit verstehen. Doch weil das inzwischen schwer fällt, ist man am Ende der Show doch vor allem erleichtert, wieder raus zu dürfen aus diesem bizarren Selbstentblößungszirkus, den Till Lindemann „Meine Welt“ nennt.

Till Lindemann: Setlist in der Schleyerhalle

  • Fat
  • Und die Engel singen
  • Schweiss
  • Altes Fleisch
  • Golden Shower
  • Sport frei
  • Tanzlehrerin
  • Blut
  • Allesfresser
  • Prostitution
  • Praise Abort
  • Platz eins
  • Du hast kein Herz
  • Skills in Pills
  • Zugaben:
  • Übers Meer
  • Knebel
  • Fish On
  • Ich hasse Kinder

Till Lindemanns „Meine Welt“-Tor 2025/2026

Stuttgart war vorerst die letzte Station von Till Lindemanns „Meine Welt“-Tournee in Deutschland. Am 18. Dezember tritt er noch in Prag auf, dann folgen Auftritte in Thailand, den Vereinigten Arabischen Emiraten, Kasachstan, Usbekistan, Georgien und Australien. Das komplette Tourprogramm gibt es hier.

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