Konzert in der Stiftskirche Vielversprechende Visitenkarte

Hans-Christoph Rademann wird Helmuth Rillings Nachfolger. Foto: dapd
Hans-Christoph Rademann wird Helmuth Rillings Nachfolger. Foto: dapd

Er wird Helmuth Rillings Nachfolger bei der Bachakademie, jetzt ist Hans-Christoph Rademann in der Stuttgarter Stiftskirche mit seinem Chor aufgetreten.

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Stuttgart - Zum Jahresbeginn war er die Musikerpersönlichkeit mit dem größten Medienecho in Stuttgart. Und das lange vor seinem Amtsantritt als Nachfolger von Helmuth Rilling bei der Internationalen Bachakademie. In der Stiftskirche konnte man Hans-Christoph Rademann jetzt in der Stunde der Kirchenmusik erleben. Dieser allgemeinen Neugier auf den hier in der Stadt noch wenig bekannten Musiker dürfte der immense Publikums­andrang am Freitagabend geschuldet gewesen sein: die Stiftskirche war voll.

Dabei wäre schon die Tatsache, dass Rademann mit seinem phänomenalen Dresdner Kammerchor hier gastierte, schon ein Grund für einen Konzertbesuch gewesen. Denn die Truppe aus Sachsen gilt als einer der besten Chöre hierzulande. Warum die Dresdner diesen Ruf haben, wurde in dem knapp achtzigminütigen, einhellig bejubelten Konzert schnell deutlich.

Auf dem Programm stand eine Auswahl der „Cantiones Sacrae“ von Heinrich Schütz aus dem Jahr 1625. Schon der erste Satz „Turbabor, sed non perturbabor“ legte einige Tugenden des Dresdner Kammerchors offen. Mit leichtem Klang und großer Präzision gestalten die 17 Sänger den figurativen Beginn, machen einerseits die polyfonen Strukturen der Musik deutlich und verschmelzen ihre schlank geführten Stimmen andererseits zu perfekter Homogenität. Aus diesem kompakten Klang lösen sich immer wieder Einzelstimmen, etwa in dem ruhigen Satz „O bone, o dulcis“, bei dem die Sopranistinnen vielfach in strahlende Höhen vorstoßen.

Rademann kriecht förmlich in den Chor hinein

Rademann dabei zu beobachten, wie er diese illustrative Musik mit seinen Händen gestaltet, ist faszinierend. Aus einer entspannt wirkenden Grundhaltung heraus formt er mal mit der Rechten, mal mit der Linken plastische Linien, die den Klang des Chores und die immens klug disponierten Phrasen antizipieren. Bisweilen hat man auch den Eindruck, dass er mit weit vorgebeugtem Oberkörper förmlich in den Chor hineinkriecht und mit gespreizten Fingern die Melodien fordert. So entwickelt sich die Motette „Et ne despicias humiliter“ aus tiefer Männerstimmenlage und Pianoklang zur Dur-strahlenden und triumphal erscheinenden Schlusswendung. Stufenlos gestalten die jungen Sänger solche groß angelegten Steigerungen, setzen auch mal extreme Kontraste in Sachen Dynamik und Klangfarbe, vor allem wirken sie dabei unangestrengt und mühelos. Und das, obwohl diese Schütz-Kompositionen teils extreme Ansprüche stellen.

Die Sammlung dieser liturgischen Werke ist in ihrer musikalischen Gestaltung sehr fortschrittlich. Schütz experimentiert mit ungewöhnlichen harmonischen Verbindungen und eigenwilliger Linienführung, die stets im Sinne einer rhetorisch durchgeformten, am Textgehalt orientierten Musik gedacht sind. So stürzen sich die Sänger aus hoher Lage in tollkühnen Linien abwärts, wenn sie in „Ego sum tui plaga doloris“ das Bekenntnis der eigenen Schuld ablegen. Das korrespondiert mit der immensen harmonischen Spannung, die Schütz in der finalen Doxologie von „Quo, nate dei“ aufbaut. Mit traumwandlerischer Sicherheit und makelloser Intonation singen die Dresdner solche Stellen. Die spezifische Stilistik mit ihren italienischen und deutschen Elementen hat der Kammerchor ohnehin verinnerlicht. Denn Rademann und seine Sänger sind gerade dabei, in einem auf mehrere Jahre angelegten Projekt eine Gesamtaufnahme aller Werke von Heinrich Schütz zu realisieren.

Zu einem Ereignis wird das Konzert durch die vielen kleinen Überraschungsmomente. Lautmalerische Melismen und Chortriller, plötzliche Wechsel im Grundrhythmus, bewusst gegen den Schlag gesetzte hemiolische Figuren und expressive Momente wie in dem nur von einem Soloquartett gesungenen „Ecce advocatus meus“ zeigen, wie viel Arbeit in einem solchen Programm steckt. Selbst im chor­musikverwöhnten Stuttgart ist eine derartige Qualität ungewöhnlich. Entsprechend zufrieden schaute auch Berthold Leibinger am Ende drein. Der Vorstandsvorsitzende der Bachakademie genoss den Jubel, den der künftige künstlerische Leiter einheimste, ebenfalls.




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