Konzert in der Stuttgarter Liederhalle Weltschmerz und Euphorie

Dirigenten Emmanuel Tjeknavorian Foto: /Lukas Beck

Das SWR Symphonieorchester hat unter der Leitung des jungen Dirigenten Emmanuel Tjeknavorian Werke der Romantik gespielt.

Ein Clash der Klanggiganten: Schmetternde Blechbläserchöre contra Konzertorgel. Das Finale von Camille Saint-Saëns’ Dritter Sinfonie, komponiert 1886, geriert sich tosend, bombastisch, ohrenbetäubend. In den orchestral vibrierenden Schlusspunkt hinein ruft ein Zuhörer: „Geil!“, und das Auditorium im Beethovensaal jubelt wie verrückt. Der junge Dirigent in traditionsbewusstem Frack wirkt ein bisschen erschlagen – nicht von der Arbeit mit dem Orchester, sondern vom sehr langen, sehr euphorischen Applaus. Nährte sich diese fürs Klassikpublikum so ungewöhnlich extrovertierte Begeisterung aus der Qualität der Aufführung oder bloß aus der kompositorisch wohlkalkulierten Schlusswirkung dieser „Orgelsinfonie“? Oder war sie ein Resultat der insgesamt so wohldosierten Mixtur aus Weltuntergangsstimmung, spätromantischem Schmelz und sakraler Feierlichkeit? Schwer zu sagen, aber vermutlich stimmte an diesem Abend einfach alles.

 

Gespenstisch-flirrende Unruhe

Emmanuel Tjeknavorian, der Dirigent, international auf Erfolgskurs, hat jedenfalls alles richtig gemacht. Selbst im Schlussradau geht kein Klarinettenton, keine Streicherlinie verloren. Das SWR Symphonieorchester zeigt sich in Sachen Klangbalance und Transparenz von seiner besten Seite in diesem Konzert der Kulturgemeinschaft. Vielleicht schmeicheln sich die melodisch und melancholisch schwelgenden Passagen etwas zu aufdringlich in die Ohren, werden zu breit zelebriert. Aber eine besondere Begabung des 29-jährigen österreichischen Dirigenten ist ganz offensichtlich, dass er große Spannungsbögen sehr fein, sehr plastisch, sehr eindringlich sich entfalten lassen und in Szene setzen kann – aus dem Nichts beginnend, gespenstisch-flirrende Unruhe evozierend. Das Orchester folgte ihm und seinen Vorstellungen hörbar gerne.

Über die Liebe

Dezidierte Ausgestaltung hatte schon Tschaikowskys das Konzert eröffnende Fantasie-Ouvertüre „Romeo und Julia“ erfahren. Und gleiches gilt auch für die „Sieben Lieder“ von Alma Mahler, Gustavs Gattin: eigentlich Klavierlieder, aber von den Briten David und Colin Mathews 1995 liebe- und wirkungsvoll und sehr farbig orchestriert. Es sind Lieder auf schwerromantische, vieldeutige Naturlyrik, über Weltschmerz und die Liebe. Leider hatte man auf einen Abdruck der Gedichte im zu knapp gehaltenen Programmheft verzichtet. Zumindest einen Teil der Verse konnte man aber verstehen. Die irische Mezzosopranistin Tara Erraught artikulierte sie recht deutlich, die Stimmungen genau treffend. Im extrovertierten Ausdrucksbereich konnte sich die Strahlkraft ihrer Stimme wunderbar entfalten, in den verinnerlichten Momenten, die sie gestalterisch sehr engagiert anging, gab es schon in Reihe 9 Wahrnehmungsprobleme. Das lag nicht am Orchester, das auch hier sensibel agierte und euphorische Power nur in den Zwischenspielen verlauten ließ. Es lag wohl eher an den Weiten des Beethovensaals, die für die intime Liedgestaltung nun mal eben problematisch sind.

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