An Karfreitag war Antonin Dvořáks „Stabat Mater“ in Esslingen zu hören. Foto: Rainer Kellmayer
Zur Todesstunde Jesu führte die Kantorei der Stadtkirche Esslingen am Karfreitag Antonin Dvořáks „Stabat Mater“ auf. Es war das letzte große Konzert der Kantorei mit Uwe Schüssler, der im Herbst in den Ruhestand geht.
Rainer Kellmayer
19.04.2025 - 16:00 Uhr
Für sein letztes großes Konzert mit der Kantorei und Jugendkantorei der Esslinger Stadtkirche hat Kirchenmusikdirektor Uwe Schüssler, der im Herbst in den Ruhestand geht, ein besonderes Werk auswählt: Antonin Dvořáks „Stabat Mater“. Die Vertonung des gleichnamigen mittelalterlichen Gedichts, die den Schmerz Marias über den Tod ihres Sohnes Jesus zum Ausdruck bringt, erklang zur Todesstunde Jesu am Karfreitag in der Stadtkirche St. Dionys. „Die Kantorei hat dieses epochale Werk noch nie aufgeführt, und auch für mich ist es eine Premiere“, sagte Schüssler.
Die musikalische Aussage der Partitur ist untrennbar verbunden mit der Entstehungsgeschichte des Werkes. Um 1876 trafen Dvořák mehrere schwere Schicksalsschläge: Zunächst verstarb kurz nach der Geburt seine Tochter Josefa, und wenig später starben zwei weitere seiner Kinder. Für den tschechischen Komponisten war die Arbeit an „Stabat Mater“ Trauerverarbeitung.
Tonale Umsetzung der Stabat Mater anders als bei anderen Komponisten
Dvořáks tonale Umsetzung des Mariengedichts hebt sich von den zahlreichen Vertonungen des „Stabat Mater“ anderer Komponisten deutlich ab. Die stets präsente persönliche Note, die originellen musikalischen Phrasen und die ausdrucksstarke spätromantische Färbung der Musik sind ein inspirierendes, aber auch schmerzhafteres Statement des Glaubens und der Hoffnung.
In der Einleitung des zehnteiligen Werks erhob sich der Chorklang mystisch aus dem dramatischen, von spannender Chromatik getragenen Orchestervorspiel. Sogleich spürte man: Uwe Schüssler hat in den vorbereitenden Proben sorgfältige Arbeit geleistet. Das aus Kantorei und Jugendkantorei zusammengesetzte Großensemble überzeugte durch vokalen Wohlklang, eine saubere Intonation und insbesondere mit einer bestens austarierten Balance der Stimmgruppen. Ein großes Plus war der Einsatz der Jugendkantorei: Die Stimmen der jungen Sängerinnen und Sänger sorgten für eine Frische.
Kirchenmusikdirektor Uwe Schüssler hält Fäden in der Hand
Uwe Schüssler (Archivfoto) Foto: Roberto Bulgrin
Auch in puncto dynamischer Formung blieben keine Wünsche offen. Von zartestem Pianissimo bis hin zu gewaltig auftrumpfenden Einwürfen wurde ein weites Feld durchschritten. Besonders schön gelangen das „Tui nati vulnerati“ mit seinem locker schwingenden Duktus, und auch im „Virgo virginum praeclara“ begeisterten die Choristen durch flexible Klanggestaltung.
Mit klarem Dirigat hielt Uwe Schüssler die musikalischen Fäden in der Hand: Er führte den Chor und das differenziert musizierende Orchester „Ensemble musica viva Stuttgart“ souverän durch die Partitur.
Quartett der Gesangssolisten
Aus dem Quartett der Vokalsolisten ragte Bernhard Gärtner heraus, der nicht nur in der Arie „Fac me verte“ mit seiner in allen Registern ausgeglichenen Stimme tenoralen Glanz verströmte. Dem stand der Bassist Teru Yoshihara in Nichts nach, der mit vokaler Strahlkraft und profunder Tiefe überzeugte.
Christine Reber (Sopran) und Altistin Katarina Morfa fügten sich in den homogen gesungenen Ensemblepartien bestens ein. Während Morfa in der Altarie „Inflammatus et accensus“ mit voluminöser Stimme dramatische Energie verströmte, absolvierte Christine Reber die Sopranpartie zwar höhensicher, jedoch mit einem im Stimmtimbre gelegentlich störenden, engen Vibrato. Dies tat der beeindruckenden Aufführung des „Stabat Mater“ jedoch keinen Abbruch.