Konzert in Esslingen Ein Abgesang mit musikalischem Hochgenuss

Beim letzten Esslinger Meisterkonzert zogen die Blechbläser von „German Brass“ im Neckar Forum alle Register ihrer Kunst. Foto: Rainer Kellmayer

„German Brass“ begeisterte im Neckar Forum das Meisterkonzert-Publikum. Das Ende der traditionsreichen Konzertreihe sorgt für große Enttäuschung beim Publikum.

Ein Hauch von Wehmut lag am Sonntagabend über dem Meisterkonzert im Neckar Forum. Nach Jahrzehnten, in denen die Konzertreihe dem Esslinger Publikum mit Solisten der Weltklasse, renommierten Ensembles und bekannten Orchestern musikalische Hochgenüsse beschert hat, ist jetzt Schluss: Aus finanziellen Gründen werden die Meisterkonzerte in der bisherigen Form eingestellt.

 

Seit mehr als 25 Jahren veranstaltet die Südwestdeutsche Konzertdirektion Russ unter dem Label Russ Klassik die Esslinger Meisterkonzerte. „Wir sind sehr traurig. Unsere Künstler und wir haben uns in Esslingen stets sehr wohl gefühlt“, sagte Tobias Ebel, der die Reihe seit 2010 betreut. Das Kulturamt der Stadt Esslingen habe die Organisatoren stets nach Kräften unterstützt, doch der Rückgang der Abonnentenzahlen, steigende Kosten und Kürzungen im Etat des Kulturamts hätten diesen Schritt unabdingbar gemacht. Zwar gibt es ein Ersatzangebot – ob dieses jedoch auf entsprechendes Interesse stoßen wird, muss sich erst erweisen.

Esslinger Kulturleben wird ein Stück ärmer

Dem Publikum wurde der Abschied von der Meisterkonzert-Reihe durch einen fulminanten Auftritt des renommierten Ensembles German Brass etwas versüßt. Seit mehr als 50 Jahren touren die elf Top-Musiker, die allesamt zu den Besten ihres Fachs zählen, durch die Konzertsäle der Welt. Sie haben sich personell stets erneuert, und mit ihrer brillanten Blechbläserkunst das Publikum in Esslingen schon mehrfach verzaubert.

Im Publikum gab es angesichts des Abgesangs der hochkarätigen Konzertreihe viele kritische, teils sehr enttäuschte Stimmen. „Schade! Die Esslinger Meisterkonzerte waren immer etwas Besonderes. Sie hatten eine eigene Note, die wir sehr vermissen werden“, sagte Gudrun Ilg. Außerdem sei der Konzerttermin sonntags um 18 Uhr für Berufstätige sehr geschickt gewesen.

Auch Jürgen Seitz, der seit vielen Jahren Abonnent der Meisterkonzerte ist, macht aus seiner Enttäuschung keinen Hehl: „Wir haben hier viele aufstrebende Künstler erlebt, die sich später in der Weltklasse etablierten. Dem Esslinger Kulturleben wird etwas Wesentliches fehlen“.

Dies wurde deutlich, als German Brass mit der Sinfonia zur „Ratswahlkantate“ von Johann Sebastian Bach grandios loslegte: Die Läufe sprudelten brillant aus den goldglänzenden Instrumenten, die Artikulation war mustergültig und das Klangbild begeisterte mit glasklarer Transparenz.

Der Berliner Hornist Klaus Wallendorf, der humorvoll und mit gewagten Reimen durch den Abend führte, traf den Nagel auf den Kopf, als er das Publikum mit den Worten „Mit Feingefühl und Lippenkraft wird der Abend zum Erlebnis gemacht“ begrüßte.

Lippenkraft war bei den horrend schwierigen Werken in der Tat dringend nötig. Doch nicht nur die Kondition der Bläserschar überzeugte, auch musikalisch hatte sie einiges zu bieten. Wunderschön phrasiert erklang der „Abendsegen“ aus Engelbert Humperdincks Oper „Hänsel und Gretel“, und als später „Gabriels Oboe“ von Ennio Morricone erklang, verzauberte betörender Blechbläserschmelz das Publikum.

Zuvor hatten die Meister an den Blasrohren mit Teilen aus Johann Sebastian Bachs Orchestersuiten brilliert, und als die Ouvertüre zu Giuseppe Verdis Oper „Die Macht des Schicksals“ verklungen war, wusste man nicht, was man mehr bewundern sollte: Die Kraft des Ausdrucks, das Belcanto in den weichen Passagen oder das italienische Flair in den flotten Allegro-Partien.

Das Ensemble beweist große Stilsicherheit

Jedenfalls hatte man beim Zuhören großen Spaß, und das steigerte sich noch, als Germann Brass die Kurve zur Unterhaltungsmusik nahm. Ob bei einem Gershwin-Medley, der spanisch angehauchten Malaguena oder der Filmmusik zu „Children of Sanchez“ von Chuck Mangione: German Brass war allen stilistischen Sätteln gerecht und zündete ein Feuerwerk nach dem anderen.

Als das Konzert mit zwei Zugaben zu Ende ging, war allen klar: Mit dem Schließen des Kapitels Meisterkonzerte wird die Kulturszene der Stadt Esslingen künftig wesentlich ärmer sein.

Das neue musikalische Angebot

Kammerkonzerte
Russ Klassik bietet mit zwei Konzerten pro Saison in Esslingen einen Ersatz an. Diese werden im Dicken Turm auf der Esslinger Burg stattfinden. Da dort kein Flügel zur Verfügung steht, ist nur Kammermusik in ausgewählten Besetzungen möglich. Zum Auftakt spielt am Sonntag, 26. Oktober, um 18 Uhr das Stuttgarter Kammerduo mit Rosa Neßling (Violine) und Sebastian Fritsch (Violoncello). Zum Abschluss tritt am Sonntag, 10. Mai 2026, das Malion-Streichquartett auf.

Sinfoniekonzerte
Abonnenten der neuen Konzertreihe können vier Konzerte in der Stuttgarter Liederhalle besuchen. Am 12. November ist um 19.30 Uhr das Orquesta Sinfònica de Barcelona zu hören, und am 17. Dezember gastiert der Harfenist Xavier de Maistre mit den Festival Strings Lucerne. Das SWR Symphonieorchester stellt am 6. März 2026 internationale Preisträger vor, und am 17. April 2026 spielen „The Knights New York“ mit dem Akkordeonisten Martynas Levickis.

Busfahrten
Bei entsprechender Nachfrage übernimmt das Kulturamt der Stadt Esslingen die Buskosten nach Stuttgart. Die Konzertbesucher können an drei Haltestellen in Esslingen zusteigen. Nähere Informationen unter russ-klassik.de .

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