Konzert in Sindelfingen „Messiah“ reißt das Publikum von den Sitzen
Das „Messiah-Projekt“ wurde jetzt mit zwei Konzerten in der Sindelfinger Martinskirche abgeschlossen. Die Aufführung war ein voller Erfolg.
Das „Messiah-Projekt“ wurde jetzt mit zwei Konzerten in der Sindelfinger Martinskirche abgeschlossen. Die Aufführung war ein voller Erfolg.
Beethoven soll man ja nicht widersprechen, denn er schwärmte über Händel: „Händel ist der Unerreichte aller Meister. Gehet hin und lernet, mit so wenigen Mitteln so Großes hervorzubringen!“
Dieses konnte man nachvollziehen bei der zweimaligen Aufführung des zweiten Teils von Händels „Messiah“ in der Sindelfinger Martinskirche, nachdem im Dezember der erste Teil musiziert wurde. Beethoven äußerte sich natürlich zu der kunstvollen, aber doch auch gut nachvollziehbaren Komposition. Um Händels Oratorium derartig überzeugend zu interpretieren, reichen aber nicht wenige Mittel aus, sondern viele tolle Musiker und eine enorm fleißige Vorbereitung. Zu den beiden Konzerten kamen insgesamt rund 500 Zuhörer.
Eine fulminante Wirkung erzielten die Musiker mit der deutschen Erstaufführung von Henryk Goreckis „Kyrie“, das übergangslos in den „Messiah“ eingefügt wurde. Apokalyptisch wirkende Perkussionsphasen, dazu stark kontrastierende Klagelaute von Chor und Streichern artikulierten musikalisch die Trauer über den Tod des 2005 gestorbenen polnischen Papstes Johannes Paul II.
Der „Messiah“ zählt zu den populärsten kirchenmusikalischen Werken überhaupt. Vorsichtige Schätzungen gehen davon aus, dass es seit seiner Uraufführung 1742 etliche zigtausend Mal gespielt wurde. Legendär war auch die Erstaufführung in der britischen Hauptstadt. Beim Schlusschor „Halleluja“ erhob sich der anwesende König George II. spontan von seinem Sitz. Diese Tradition, das „Halleluja“ stehend anzuhören, hat sich in England bis heute erhalten. Die in nur 24 Tagen entstandene Komposition spannt einen großen Bogen an farbigen Emotionen. Die Textstellen schildern einige Stationen aus dem Leben von Jesus Christus. Die musikalische Hauptlast liegt bei dem Chor und dem begleitenden Orchester. Die Gesangssolisten kommen relativ selten zum Einsatz, diese ließen in ihren wenigen Solopartien großartige musikalische Qualität aufleuchten. Natascha Schnur (Sopran), Lieselotte Fink (Mezzosopran), Steffen Kruse (Tenor) und Hans Porten (Bass) steuerten staunenswerte vokale Glanzpunkte zum Aufführungserfolg hinzu.
Die anspruchsvolle Bassarie „Warum toben die Völker“ verlangte vom Sänger nahezu italienische Opern-Virtuosität. Die Eingangsarie der Mezzosopranistin auf den Text „Er war der Allerverachteste und Unwertigste“ verbreitete lyrische Betroffenheit.
Der Chor Sindelfinger Vokalkabinett brillierte zudem mit großer Strahlkraft und konnte bis zum Ende die Spannung anhalten. Es faszinierte auch in flotten Passagen auf den Text „Wir gingen alle in die irre wie Schafe“ mit temperamentvollen Melismen.
Die große Stärke des „Messiah“ liegt darin, dass prägnant unterschiedliche Einzelpassagen für Abwechselung sorgen. Dirigent Daniel Tepper hatte mit den Seinen offensichtlich intensiv geprobt, denn die 90-minütige, pausenlose Darbietung verbreitete zwingenden Sog. Hervorzuheben sind unter anderem die betont rhythmische Struktur im dritten Chor auf den Text „Fürwahr er trug unsere Krankheit“ oder bei dem Chor kurz vor Schluss „Lasset uns zerreißen ihre Bande“, in dem extrovertierte Fröhlichkeit musikalische Gestalt annahm.
Die vielfarbigen Einzelteile fügten sich in dieser dichten Interpretation mit dem Consortium instrumentale als Orchester zu einem großartigen emotionalen Erlebnis. Das über die Maßen populäre „Halleluja“ am Schluss wurde auch nicht pompös musiziert, sondern erreichte durch seine differenzierte musikalische Struktur eine großartige Wirkung. Das Publikum zeigte sich tief beeindruckt und wartete doch einige Sekunden, um in einen jubelnden Applaus mit vielen Bravi auszubrechen. Und dann standen noch viele auf, so wie der britische König bei der Aufführung, und zollten den Musikern zurecht beeindruckenden Respekt.