Konzert in Stuttgart Arcadi Volodos: Die Magie der leisen Töne

Arcadi Volodos – hier bei einem Auftritt in Mühlheim Foto: IMAGO/Funke Foto Services/Volker Hartmann

Arcadi Volodos eröffnet in Stuttgart die Konzertreihe der „Meisterpianisten“ mit hochpoetischen Schubert-Momenten.

Gedimmtes Licht, ein Flügel, ein Stuhl. Ein Stuhl? Es gibt womöglich keinen Pianisten, der so schön, so rund und so differenziert das Leise zu gestalten weiß wie Arcadi Volodos. Und kein anderer spielt mit einer ähnlichen Körperhaltung. Volodos braucht die Lehne des Stuhls, er beugt sich zurück. Wunderbare Piani sind so möglich. Aber kann der Pianist mit vorgestreckten Armen auch dort fein gestalten, wo es lauter zugeht?

 

Einspringer für András Schiff

Er kann nicht. Das ist die Erkenntnis des Klavierabends, mit dem der Russe am Donnerstagabend im Stuttgarter Beethovensaal als Einspringer für den erkrankten András Schiff die Reihe der „Meisterpianisten“ eröffnet. Er will aber auch nicht. Auf dem Forte liegt kein Fokus. Wenn es Arcadi Volodos um Wirkung geht, benutzt er lieber das Pedal. Das tut er reichlich. Man kann das bemängeln, vor allem bei Schuberts später a-Moll-Sonate (die er übrigens schon bei seinem letzten Stuttgarter Auftritt im vergangenen Dezember gespielt hat). Dort verschwindet Etliches im Nebel, sogar der spektakuläre Harmoniewechsel am Ende des ersten Satzes, und bei mancher polyphonen Passage hört man nur eine einzige Hauptlinie statt mehrerer gleichberechtigter Stimmen.

Paganini-Springteufelchen

Das ist aber nur ein Kollateralschaden, denn dieser Pianist will vor allem eines sein: Interpret. Also Musik formen. Die Magie des Leisen zelebrieren. Und, bei Schubert, aufzeigen, wie sich dieser Komponist an seinem Vorbild Beethoven abarbeitet. In Schuberts Sonaten die Balance zu halten zwischen schroffem Titanen-Ton und lyrischen Momenten, ist extrem schwierig. Volodos gelingt sie, er gönnt Schubert die Emanzipation, lässt den Flügel singen, schafft inmitten rau auffahrender Gesten Inseln der Poesie, springt wie ein Tastentiger ansatzlos von einem Satz zum nächsten – bis hin zum Finale, aus dem immer wieder kurz ein lustiges Paganini-Springteufelchen hervorlugt.

Bitte nicht endgültig zurücklehnen!

Erwartungsgemäß liegen dem Pianisten in Schumanns „Davidsbündlertänzen“ die Passagen des sanften Eusebius besonders am Herzen und in den Fingern. Zum Schluss beweist er mit einer effektsuchenden Bearbeitung von Liszts effektsuchender 13. Rhapsodie, dass zwei Mal Null tatsächlich Null bleibt. Nach vier Zugaben bleibt nur eine Bitte: dass sich dieser wunderbare Künstler jetzt noch nicht endgültig zurücklehnen möge, sondern neugierig weiter suchen. Volodos‘ Interpretationen klingen älter, als er ist (erst 52!). Das, nur das, stimmt uns bedenklich.

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