Konzert in Stuttgart Berstende Wucht: So war’s bei Heisskalt im LKA

Zart und von brodelnder Härte: Heisskalt im Wangener LKA Foto: Lichtgut/Ferdinando Iannone

Die Band Heisskalt hat am Dienstagabend im LKA/Longhorn gespielt. Bilder und Kritik von einem Konzert mit beeindruckend intensiven Momenten.

Es ist gleißend, fast schon transzendent. Immer wieder spielt sich Heisskalt frei beim Heimspiel der im LKA am Dienstagabend, verlässt herkömmliche Songstrukturen, versinkt in ihrem Wall aus tragisch-schönen Melodien und tonnenschweren Gitarren. In diesen Momenten verlässt die Band Raum und Zeit. Ist der schwerelose Kosmos ganz nah. Eine Minute schweben, bevor sie wieder spielend zusammenfindet und das Stück zu Ende bringt. Eine beeindruckende Kräfteschau.

 

Heisskalt ist heute eine andere Band. Ganz anders als die Band, die uns ab 2012 immer öfter in Stuttgart begegnet ist, die sich schnell vom Alternative-Rock-Geheimtipp zur Post-Hardcore-Macht wandelte – mit großen Festivalshows, TV-Shows, großer medialer Aufmerksamkeit. Die jahrelange Auszeit hat der Band sichtlich gut getan, die neue Konstellation aus dem Gründungstrio Mathias Bloech, Marius Bornmann, Philipp Koch und der neuen Bassistin Lola Schrode funktioniert hervorragend. Ihr Zusammenspiel ist von intimer Nähe und müheloser Wucht.

Heisskalt spielt sich alles vom Leib

Was damals manchmal gezwungen klang, geboren aus dem manischen Fiebertraum, als Rock’n’Roll-Band ganz groß zu werden, ruht heute in sich. Heisskalt hat sich neu gefunden und dem gut gefüllten LKA die neue Version der Band selbst um die Ohren gehauen. Erst letzten Dezember war die Band hier für ihr großes Comeback, seither ist das vierte Album „Vom Tun und Lassen“ erschienen. Es knüpft bewusst an an ihre frühen Werke, ist hypnotisch zart, wortgewaltig und immer wieder durchzogen von brodelnder Härte.

Genau wie ihr Konzert. Zwei Stunden lang spielt sich Heisskalt alles vom Leib, was man so durch den Alltag schleppt. Ängste und Zweifel, Frust und Zorn, kanalisiert in messerscharfe Lyrics. Mehr als einmal klingt das wie Casper, der eine Post-Rock-Band mit der reinigenden Durchschlagskraft einer Supernova frontet. Katharsis soll Musik ja oft sein. Für Band und begeistertes Publikum trifft das an diesem Abend auf jeden Fall zu.

Stuttgart hat ja immer schon ein besonderes Verhältnis zu seinen Bands gehabt. Wir hegen sie und pflegen sie, sind stolz auf sie wie Eltern, ziehen sie groß, zeigen sie stolz herum und haben manchmal ein ambivalentes Verhältnis, wenn wir sie ziehen lassen müssen. Wenn sie plötzlich auf eigenen Beinen stehen und herausgeschickt werden in die große weite Welt. Wir sind aber umso dankbarer, wenn sie dann doch mal wieder auf Kaffee und Kuchen vorbeischauen. Und bereiten ihnen dann einen fürstlichen Empfang.

Vor der Bühne spielt sich deshalb Bemerkenswertes ab: Das Publikum ist textsicher, singt ganz alte Songs wie „Dezemberluft“ ebenso mit wie Klassiker der Marke „Euphoria“ oder die neuen Stücke „Mit Worten und Granaten“ oder „Heim“. Es wogt, wandelt sich von einer wild springenden und tanzenden Menge in einen Moshpit und wieder zurück in andächtiges Schweigen. Bei der kurzen Pause am Ende des bewegenden Mementos „Gipfelkreuz“ kann man eine Stecknadel fallen hören, bevor die Band noch mal alles einreißt, eintaucht in einen wogenden Ozean aus reinigendem Lärm.

Heisskalt im LKA Foto: Lichtgut/Ferdinando Iannone

Bei „Nicht anders gewollt“ und „Alles gut“ lädt sich Heisskalt die Künstlerin Nikra von der gleichnamigen Supportband auf die Bühne ein. Gemeinsam ergießt sich ein beeindruckend schroffer Ausbruch aus Frustration und entfesselter Emotion in den Saal, der zwei Dinge klarmacht: Es ist sehr gut, dass Heisskalt zurück ist. Und wir alle sollten Nikra im Auge behalten.

Um kurz vor elf ist der reinigende Spuk vorbei. Dieses Spiel aus laut und leise, aus flirrenden Akkorden und zuckender Bewegung, aus dunkel und hell hat Heisskalt immer schon gut beherrscht. Bei dieser Show ist dieses Changieren zwischen zärtlicher Trauer und eruptivem Ausbruch von fast spiritueller Natur. Wie ein kräftiger Atem, der sich löst.

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